
Eine meiner Lieblingsbegegnungen mit einem ganz Großen der Jazzgeschichte: Ein einziger Roadie bewegte auf einer winzigen Transportraupe den großen Flügel durch die noch leere Konzerthalle auf die Bühne. Eine Weile knarzte eine Tür, leise Schritte. Stille. Der Roadie im Halbdunkel am Bühnenrand, den Zigarettenstummel im Mundwinkel. Dann eine Stimme, die in englischer Sprache von irgendwoher aus dem Dunkel nach der angekündigten Photographin fragte. Direkt und übergangslos gefolgt von einer Reihe französischer Zoten in Richtung des Roadies; der grinste breit, ich brach in schallendes Lachen aus. Nicht von schlechten Eltern, dieser Humor. Hinter dem Flügel kam eine kleine Gestalt zum Vorschein: Hochroten Gesichts, “Oups, vous parlez français, pardon …”. Michel Petrucciani, verlegen lächelnd. Eis gebrochen, eine launige Unterhaltung folgte, einige Bilder beim Soundcheck. Das wunderbare Geschenk für mich, “Caravan” zu hören, ganz allein mit dem Steinway und dem Pianisten.
Backstage dann nach dem Konzert, müde, erschöpft vom körperlichen Kraftakt der Musik – Michel Petrucciani erzählte. Mit stillem Lächeln, von seiner tiefen Liebe zur Musik, insbesondere der von William “Billy” Strayhorn. Irgendwann auch von einer privaten Nachricht, die ihn am Tag des Auftritts erreichte. In der leisen Stimme lagen Trauer und Tränen, ein jener nachdenklichen, berührenden Momente, die ich in der Begegnung mit Menschen sehr liebe. Sie brauchen Zeit, diese Augenblicke, und Vertrauen, das aus Kleinigkeiten entsteht. Sich auf Zehenspitzen annähern, den einen Moment spüren und sehen, ein Bild machen, all das ist Grund genug, dass mein Beruf für mich immer noch und immer wieder Traumberuf ist.
Dieses Bild war nach seiner Veröffentlichung Teil einer Ausstellung von Musikerportraits und Anlass einer heftigen Diskussion mit einem Kollegen: Er hielt dieses Portrait für eine schamlose Entwürdigung des Künstlers. Wegen der verkrümmten Hand, wegen des Cognac-Glases.







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Liebe Heike,
vielen Dank für die Erinnerung an diesen wunderbaren Pianisten. Vor vielen Jahren war ich als Rezensent bei einem Solokonzert und erlebte, was ich nie zuvor und nie mehr danach erlebt hatte. Ich erlebte, wie er hineinkam, sich auf den Klavierhocker schwang und zu spielen begann. Das nächste, was ich an diesem Abend bewusst wusste: Dröhnender Applaus. Petrucciani hatte mich verzaubert, ich habe alles erlebt, aber nichts (mit dem Analysten-Ohr) gehört. Der Notizzettel auf meinem Schoß: leer.
Herzlichst Guido
Lieber Guido,
die Konzertrezension war nichtsdestotrotz brillant. Mir ging’s übrigens genauso – keine Bilder während des Konzerts, zugunsten von Faszination und Konzentration, die mich in eine Parallelgalaxie entführt haben. Auch nicht beim Schlußapplaus, weil die steile Perspektive von oben auf die Bühne mehr als unschön war.
Liebe Grüße!
Heike
Der Kollege, der dieses wunderbare Foto als “schamlose Entwürdigung” eines Künstlers ansieht, dürfte keine Ahnung von Künstlern haben.
In einem früheren Leben war ich mal Musikjournalist und habe ab und zu mit meinen bescheidenen Mitteln Musiker auch fotografisch porträtiert.
Wenn man als FotografIn einen gewissen Draht zu Musikern aufbaut, dann empfinden diese interessante fotografische Interpretationen ihres Künstlertums als inspirierend – und nicht als entwürdigend!
Unsichere Talente würden bestimmt Anstoß daran nehmen, als Genussmensch (Cognac-Glas) und mit körperlichen Gebrechen (verkrümmte Hand) porträtiert zu werden.
Ein ganz Großer wie Michel Petrucciani dürfte eine offenherzige Porträtierung durch eine Fotokünstlerin wie Heike Rost als Kompliment angesehen haben!