Momente …

von Heike Rost am 20. Februar 2010

in Geschichten, Momente

Ein dumpfer Knall. Für einen Moment schwebt der mächtige Bulle in der Luft, bevor er auf dem gekachelten Boden des Schlachthauses zusammenbricht. Mit Elektrosägen, blitzenden Hackmessern beginnt Minuten später das blutige Handwerk des Häutens und Zerteilens, es hat seine ganz eigenen Momente: Ekel erregender Gestank der geöffneten Bauchhöhle eines Schlachttiers, Innereien und Gedärme, blutbespritzt, faserig und glibberweiß. Fremde Geräusche, Knirschen von Knochen, Reißen von Haut und Sehnen. Vor allem aber der Geruch des frischen Blutes, der durch seine Alltagsferne der Nase so sehr fremd ist, dass er in der Kehle würgt, ein schwerer, metallischer und eigenartiger Dunst. Er haftet auf der Haut, in Haaren und Kleidung, bleibt als hartnäckige, beklemmende Spur noch lange im Geruchsgedächtnis zurück.

Im Kopf ein Kaleidoskop aus Gedanken und Assoziationen, eine Bilderflut, ins Leben gerufen durch Sehen, verstärkt noch durch die sensorischen Ebenen des Riechens und Hörens. Die unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung finden im Abbild des Geschehens ihren Widerhall. Im Abbild, das in sich widersprüchliche Verarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Gesehenen ist, mit Faszination und manchmal durchaus eigentümlich ästhetischen Komponenten: Blut mit seiner brachialen, dominanten Farbigkeit zwischen hellem, flüssigen Rot bis zu fast schwarzen Klumpen. Blut als wuchtige, oft genug überfrachtete Metapher für Leben und Tod, für Krieg, Macht und Unterdrückung. Blut in der Kunst: Das Orgien Mysterien Theater des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch, der mit seinen Installationen und Kunstaktionen in den 60er Jahren Zuschauer provozierte und schockierte. Marina Abramovic und ihre Performance “Balkan Baroque“, die den Jugoslawienkrieg thematisierte und 1997 auf der Biennale in Venedig für Aufsehen sorgte: An vier Tagen saß die serbische Künstlerin auf einem blutigen Berg aus Knochen, sang Totenklagen und löste in endloser, ritualisierter Gestik Fleischfetzen vom Gebein. Knochen, Sinnbild des Todes, Gruselfaktor in Beinhäusern und zugleich ältestes organisches Material für Künstler und ihre Kreativität, von Schnitzereien und Statuen über beinerne Kämme, Knöpfe und Gürtelschnallen bis hin zur Querverbindung in die Musik – Klaviertasten aus Elfenbein, Sättel für Saiteninstrumente.

Nachdenken bei der photographischen Arbeit auch über zeitgenössische Menschen, dessen Leben konsequent die blutigen Vorstufen der Nahrung ausblendet und sich längst auf gefüllte Kühltruhen mit quasi klinisch reinem Fleisch beschränkt. Der Burger wird bestenfalls am Grill geboren oder in überhöhter Naturidylle aus Perspektive des Stadtsozialisierten. Längst ist er dem Tod als Teil des Lebens entfremdet – und umso mehr wird er von Ekel, Abwehr und Angst gebeutelt, je unmittelbarer man ihn mit dem Fremdgewordenen, Unbekannten und Verdrängten konfrontiert. Die Frage des Metzgers an mich als Photographin war in diesem Kontext so berechtigt wie absurd zugleich: “Fallen Sie um, wenn Sie Blut sehen?” Nein: Ganz banal übrigens, weil ich zwar in der Stadt aufwuchs, mir allerdings dank ländlich rustikaler Verwandtschaft inklusive geschlachteter Tiere von Huhn bis Schwein die blutigen Vorstufen fertiger Schnitzel und Würste nicht fremd sind, mich nicht ängstigen oder ekeln. Und auch nach der Reportage bin ich nicht zum Vegetarier geworden.

Entstanden ist die Serie als eine von mehreren Auftragsarbeiten für ein Kirchenmagazin, das sich dem Thema “Mensch und Tier” widmete. Die Bilder lösten eine unglaubliche Bandbreite von Reaktionen bei ihren Betrachtern aus: Überwiegend Ekel und Abscheu, aber auch beeindruckte Faszination, gepaart mit Fassunglosigkeit, wie und dass “eine sensible Photographin solche Bilder machen” könne. Mit Unverständnis und Ablehnung der Publikation der Photographien an sich, auch das. Ich erinnere mich an eine lebhafte Debatte mit einem Betrachter der Serie, die damals in der Frage gipfelte, wie man als Photograph um alles in der Welt in “solch grässlichen, blutrünstigen Bildern” auch nur ansatzweise ästhetische Momente entdecken oder sie gar als “faszinierend” bezeichnen könne. Der Kirchenmann war ziemlich verdutzt, als ich ihm mit einem Zitat aus der Bibel antwortete. Im Paulus-Brief an die Epheser (4.18) heißt es dazu: “…sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist.”. Dass Horror und Grauen eine ganz eigene Faszination inne ist, belegen zahlreiche Beispiele in der Kunst: Stellvertretend seien hier Alfred Hrdlickas “Wiedertäuferzyklus” und die Werke von Boris Lurie genannt, aber auch der surrealistische Film “Ein andalusischer Hund” von Luis Bunuel und Salvador Dalí.

Aufgrund der Reaktionen habe ich lange gezögert, die Bilder und ihre Geschichte hier im Blog zu veröffentlichen. Daher steht quasi als Eingangstür das erste Bild der Serie; der Klick auf das Bild führt Sie weiter zu den Fotos  - und ist Ihre individuelle Entscheidung.

    { 5 comments… Kommentare lesen oder schreiben }

    1 Heike Rost April 1, 2011 um 00:13

    Viele Menschen haben heute vergessen, dass Tod und Leben nicht voneinander zu trennen sind. Sie klammern den Tod lieber aus, weil er sie ängstigt. Aber die Begegnung mit dem Tod lehrt einen vieles – vor allem Demut und Respekt vor dem Leben.
    Eins der großartigsten photographischen Projekte über den Tod ist die Ausstellung von Walter Schels: “Noch mal leben” … http://www.noch-mal-leben.de/h/exponate_4_de.php

    2 Claudia Troßmann März 31, 2011 um 23:48

    “Weil mich lang zurückliegende und vergessen geglaubte Bilder aus meiner Zeit als Bildjournalistin in der aktuellen Berichterstattung wieder einholten.”
    Selten ist Tod schön. Aber das Verdrängen holt Menschen später ein. Ich habe Menschen erlebt, die lächelnd starben, und Menschen mit angstverzerrten Mienen sterben sehen.
    Ich denke, dass sich darin schon die Beziehung zum Tod des Einzelnen widerspiegelt. Meine letzte Erkenntnis: Wenn Tiere im Schlaf sterben, lächeln sie. Das ist übrigens eine sehr seltene Erfahrung. Die so genannte Zivilisation gönnt sie ihnen nicht und gibt sich hier viel Mühe, um ihre “Ignoranz” zu bewahren. Deshalb wohl auch diese “Distanz”. Und deshalb sind Bilder wie diese so wichtig. Es ist eine der vielen kognitiven Dissonanzen, die hier entlarvt wird.

    Ich bewahre das Lächeln der Sterbenden in meinen Gedankenbildern, um die Angst der vielen Anderen zu ertragen.

    Alles Liebe

    Claudia

    3 Heike Rost Februar 20, 2010 um 19:48

    @ Björn: “Definiere aufgeklärter Mensch” ;-) …
    @ Michaela: Die Kamera schützt. Leider nur vorübergehend, hinterher entwickeln viele gesehene Bilder einen lang anhaltenden “Nachbrenner”-Effekt. Ich erinnere mich an einen Film, den ich vor Jahren sah: Eine ehemalige Angehörige eines Frauenbataillons der sowjetischen Armee erzählte von ihrer Aversion gegen Hähnchenfleisch, das sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr sehen, geschweige denn essen konnte. Zu ähnlich sei das rohe Fleisch dem, was von Menschen nach Bombenangriffen übrig geblieben sei. Ich habe damals Rotz und Wasser heulend auf dem Sofa gesessen. Weil mich lang zurückliegende und vergessen geglaubte Bilder aus meiner Zeit als Bildjournalistin in der aktuellen Berichterstattung wieder einholten. Aus der Erinnerung an einen schweren Verkehrsunfall mit Todesopfern: Die alte Frau hatte recht mit diesem Vergleich.

    4 Michaela Februar 20, 2010 um 19:28

    Die, die sich am lautesten aufregen sind ja meist diejenigen die das sauber abgepackte Fleisch in der Supermarkttheke kaufen.
    Abgesehen davon stellt sich für mich die Frage nach dem “warum” – wie auch immer geartet – überhaupt nicht. Warum geht ein Reuters Fotograf nach Gaza oder Kunduz oder Baghdad? Und hält kurz nach einer Explosion drauf auf das Chaos, das Blut, das Leid und Elend? Weil das sein Job ist. Ganz einfach. Weil er der Welt zeigt was ansonsten verborgen wäre. Auch die unangenehmen Dinge wie – dass das Schnitzel irgendwann mal vier Beine hatte und einen niedlichen Augenaufschlag und dass es uns hier in unseren warmen Buden gut geht während woanders die Menschen tagtäglich ums Überleben kämpfen.
    Einfach immer wieder die Welt zeigen, mit allen Facetten, damit wir es uns nicht zu gemütlich machen.
    Übrigens. ich finde die Aufnahmen sehr ästhetisch, und besonders gut gefallen mir die Füsse an der Wand.
    Worin sich viele Fotografen übrigens gleichen: Blut und Elend durch die Linse betrachtet ist nicht das gleiche wie ohne Kamera vor der Nase. Die Kamera schützt.

    5 Björn Eichstädt Februar 20, 2010 um 19:01

    Ich finde das sehr richtig, die Bilder zu veröffentlichen. Zum einen wohnt ihnen tatsächlich eine ganz besondere Ästhetik inne, zum anderen denke ich, dass der aufgeklärte Mensch wissen sollte, wie seine Nahrung entsteht. Auch wenn oder gerade weil es grausam erscheint.

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