Notizen von unterwegs – Mozart kugelt sich

von Heike Rost am 19. Oktober 2011

in Geschichten, Inspiration, Momente

Einer der überhaupt feinsten Plätze zum Sinnieren: Das Salzburger Café Tomaselli am Alten Markt. Das Kaffeehaus, mittlerweile in der fünften Generation Familienbetrieb, ist trotz der vielen Touristen ein so bemerkenswerter wie unterhaltsamer Ort. Die Herren im schwarzen Kellnerfrack nehmen würdevoll Bestellungen der Gäste entgegen, nie gerät ihre Fliege ausser Façon, genauso wenig wie ihre Gesichtszüge. Hoheitsvoll überblicken sie den Trubel in den Räumen und auf den Terrassen, währenddessen die Kuchendamen Tabletts voller süßer Leckereien schultern. “Darf’s etwas Süßes sein zum Kaffee?”, verschwenderisch üppigen Nockerlntorten, Erdbeertörtchen und Blätterteiggebäckstücke prangen in Papierspitze gehüllt, die so weiß ist wie die adretten Spitzenschürzen der Kuchendamen. In den noch üppig blühenden Geranien am Balkon flattern Taubenschwänzchen umher, warmgolden fühlt sich die Oktobersonne an, auf dem Platz und im Gesicht.

Café Tomaselli, Salzburg - Oktober 2011

Schräg gegenüber wird mit Akuratesse umdekoriert: Mozartkugelstapel in Varianten und Stapeln, mit silbernblauem Stanniol umhüllt bei Fürstner, der die Praline erfunden haben soll. Zartbitter sind sie, nicht ganz so süß wie nebenan bei Holzermayr, dessen Rezept mehr Marzipan statt Nougat enthält. Ein ganz eigenes Vergnügen der Beobachtungen im Kaffeehaus: Exquisite, heitere, manchmal ein wenig traurige Geschichten erspüren und erdenken, die beflügelt sind von beringten Händen, bebrillten Gesichtern und deren Mimik. Die unermüdlichen Herren im Kellnerfrack servieren derweil, auf winzigen silbernen Tabletts mit Schriftzug: Einspänner, Melange oder Schokolade mit Schlag, immer mit kleinen Wassergläsern. Kaffeehauskultur zwischen Müßiggang und Arbeit – sie tänzelt quasi daher, schwebt luftiger, leichter, lustvoller und auf geheimnisvolle Art beschwingter vom Kopf in die Tasten oder wandert ins Notizbuch. Ältere Damen mit sorgfältig manikürten Händen sitzen an kleinen Tischen, mit Mokkatassen und Kuchenteller, beim Umrühren klingeln Löffelchen in der Tasse; nebendran kichernde Studentinnen, die mit den Bauarbeitern auf dem Platz schäkern – und Zeitung lesende Herren, versunken in Lektüre und Zigarre.

Café Tomaselli, Salzburg - Oktober 2011

Drinnen und draußen schlendern und flanieren Fußgänger vorbei, ein stetiges, nicht abreißendes Gewusel in sinnlicher Gemächlichkeit. Ein paar Tische weiter, jenseits der schokoladenen Mozartkugeln, prangt pralle Üppigkeit an einer jungen Besucherin des Kaffeehauses, sorgt für Innehalten, staunend genießerische Blicke, hingerissenes Schweigen bei Gästen und Passanten. Der schöne Herr Marinko im schwarzen Kellnerfrack bleibt würdevoll ernst und ungerührt. Ihm verrutschen weder Fliege noch Gesichtszüge, angesichts gänzlich anderer, nicht minder interessanter Mozartkugeln, die weiland selbst den sinnenfreudigen Wolfgang Amadé hätten schwelgen und schwärmen lassen.

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