Reiseimpressionen, grantelnd

von Heike Rost am 3. August 2010

in Begegnungen, Geschichten, Wahn+Witz

Aufgeräumt und ordentlich, sonntagsglänzend gewienert bis zum Hochglanz, auch an ganz normalen Tagen. Sogar montags. An der Wand zahllose Plaketten des örtlichen Schützenvereins. Pünktlichkeit zu den Mahlzeiten wird nicht nur stillschweigend vorausgesetzt in dem kleinen Dorfgasthof, weit gefehlt… Eine handschriftliche Notiz an der Innenseite der Zimmertür fordert mit mehreren Ausrufungszeichen unmissverständlich vom Gast ein: Abendessen um Punkt 18 Uhr!!! Wider den Großstadtschlendrian, Laissez-faire ist unerwünscht, hier herrscht Ordnung, bis zu den sorgfältig gestapelten Brötchen am Frühstücksbüffet. Wer zu spät kommt, den bestraft der Wirt.

Nicht wirklich verwunderlich, dass alleinreisende Lichtbildnerinnen weit unterhalb des Altersdurchschnitts der Gäste eher misstrauisch beäugt werden: Der grantelige Wirt ringt sich nur langsam und andeutungsweise zu einem Lächeln durch. Die sonstige Gästeschar grantelt ebenfalls; wahlweise mit versteinerter Miene vor sich hin schweigend oder die bessere Hälfte angiftend. Wenn’s denn überhaupt noch etwas zu sagen gibt, Schweigen ist Gold. Ausreichend Grund zu Nörgelei findet sich bei genauerer Betrachtung der Umstände – das Frühstücksei zu kalt, der Kaffee zu stark, die Butter zu hart. Irgendwas ist ja immer, so mancher Mundwinkel führt auf Knöchelhöhe des Besitzers ein munteres Eigenleben.

Hervorragender Rahmen für die Stimmung ist eine so imposante wie ehrwürdig gealterte, geradezu aberwitzige Kakteensammlung im meterlangen, spitzengardinenumflorten Biotop auf der Fensterbank. Mit Hummel-Figuren durchsetzte Stacheligkeit, wohin man schaut: Sogar die Dorffliegen ziehen Seppuku auf Kaktusdornen der gnadenlos unheiteren Stimmung vor. Sofern ich überhaupt das Alter der Herrschaften im Gasthof erreiche, nehm ich dann lieber die Rentnerkommune. Passt scho’.

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