Journalistische Alltagsabgründe…

von Heike Rost am 12. August 2010

in Inspiration, Momente

Selten so gelacht am frühen Morgen. So lange, bis mir das Lachen im Halse stecken blieb – bei der Lektüre des überaus lesenswerten Blogbeitrags von Christian Jakubetz, der sich eine Nacht lang wacker durch die Abgründe der Online-Auftritte deutscher Tageszeitungen kämpfte. Eine präzise Betrachtung der täglichen Horrorshow Online, so zutreffend wie traurig beschrieben ist die Summe der Probleme: Onlineauftritte, die quasi als “Wurmfortsatz” des schwächelnden Kerngeschäfts Print ein kümmerliches Dasein fristen. Austauschbare, überall auffindbare Agenturtexte, die teilautomatisch eingespielt allerhöchstens zum flüchtigen Überfliegen taugen. Die hochwertige Konkurrenz findet sich zwei, drei Mausklicks weiter und lockt den Informationswilligen schnell aus den dürftigen Angeboten fort.

So  wahl- wie gehirnlos zur Klickstrecke zusammen gewürfeltes Bildmaterial von allem Möglichen wird mit Werbung garniert und automatischer ECard-Funktion ergänzt: Völlig egal, ob’s ein hübsches Featurebild ist oder ein Katastrophenfoto, grüßen Sie Ihre Lieben mit einem Bildchen. Die Funktion ist übrigens nicht individuell abschaltbar – eine “Schwäche des CMS”. (Nun gut, Programmierer sind auch nur Menschen, die im Auftrag arbeiten. Denken die Auftraggeber eigentlich?) Obendrauf dann noch interessante Meinungen aus den Führungsetagen so mancher Verlage: Das Internet sei überschätzt, erreiche sowieso nur ganz wenige Leser, Investitionen seien daher überflüssig – summa summarum könne man das dann auch aussitzen. (In meiner Jugend gab’s mal einen Herrn aus der Computerbranche, der dem PC keine große Zukunft einräumte. Gründlich verschätzt.)

Statt sich zusätzlich zu gründlicher journalistischer Ausbildung mit Gestaltung, Typographie, Design und Wahrnehmung auseinander zu setzen, um mit handfesten Kenntnissen im Team neue Ideen der medialen Gestaltung umzusetzen, passiert wenig bis nichts. Als ob es HTML5, Tablet-PCs und Multimedia nicht gäbe, setzen Verlage immer noch überwiegend auf Print – und verweigern sich weitgehend dem Ausprobieren und Basteln, wo’s doch dringend nötig wäre, um die eigene Existenz zu sichern: Denn das “Ei des Kolumbus” hat bislang keiner gefunden. Stattdessen wird über ein Leistungsschutzrecht der Verleger debattiert; “letztlich wird recht einfach gesetzlich ein Paid Content eingeführt”, formuliert Burda-Vorstandsmitglied Professor Robert Schweizer in einem Interview zum Thema.

Und weiter noch: “Der Journalist benötigt grundsätzlich den Verlag, um seine Leistung zur Geltung zu bringen (…)”. Allein dieser Satz unterstreicht in unnachahmlicher Weise eine Denkweise, die nicht nur im Internet-Zeitalter gründlich überholt ist, sondern auch die Einseitigkeit der Betrachtung spiegelt. Ein Gedankenspiel mit umgekehrten Vorzeichen: Verlage ohne Journalisten? Verlage ohne Menschen, die mit ihrer Sichtweise und Kreativität, mit ihren Texten und Bildern zu Lesen und Betrachtung animieren und es dem Leser wert sind, dafür zu bezahlen? Undenkbar, basta. Ein solcher, lieblos billig produzierter, automatisierter Resterampen-Journalismus aus Content Farmen, der ausschließlich zum Abfüllen beliebiger Produkte dient und darüber hinaus eine gnadenlose Geringschätzung von Menschen, ihrer Kreativität, ihres Könnens und journalistischer Arbeit offenbart, ist mir persönlich nicht einen einzigen, müden Cent wert: Weder mit Paid-Content-Schranke noch via gesetzlicher Verpflichtung im Rahmen eines Leistungsschutzrechts.

(Ich habe fertig – und das musste mal gesagt werden. Weil es mich immer wieder ärgert: Als Journalistin, die ihren Beruf liebt. Als Verbandsfunktionärin, die sich auch nach 15 Jahren noch weigert, ihren Idealismus über Bord zu werfen. Die sich deswegen freiwillig und ehrenamtlich mit den Auswüchsen der Branche auseinandersetzt. Und als Kreativschaffende sowieso.)

    { 9 comments… Kommentare lesen oder schreiben }

    1 martin lennartz August 12, 2010 um 10:53

    danke, heike! auch ich hab geschmunzelt und geweint über diese sehr treffende beschreibung und die traurige wirklichkeit. ich blicke auf eine lange persönliche medienvergangenheit zurück, da tut es schon weh, über viele jahre potentiale der “klassischen” medien ungenutzt dahinschwinden zu sehen. nicht das internet bedroht die printmedien, das kriegen die durch ihre einfallslosigkeit alleine hin. von den zu wenigen ausnahmen mal abgesehen.

    herzliche grüße

    martin

    2 Heike Rost August 12, 2010 um 11:11

    Offenbar gehen im verlegerischen Dickicht zwischen Controlling und Juristerei Bewusstsein und Wertschätzung von Menschen und Inhalten komplett verloren. Von Werten wie Ideen und Kreativität völlig zu schweigen, Mut gehört auch dazu – und Freude an Neuem. Allerhöchste Zeit für neue Projekte.

    3 claudia August 12, 2010 um 11:14

    Neulich auf bunte.de verlaufen. Die haben es geschafft mit der Vorgabe des Designs nur noch Fotos im Querformat auf der Startseite bringen zu können. d.h. Hochzeitsfotos: abgeschnitten. Fotos von Partys, Galas (und was ist das für ein Biz die Designklamotte auf dem red carpet zu präsentieren): abgeschnitten. Wer auf bunte.de Fotos einer Veranstaltung im vom Fotografen definierten Format sehen möchte, muss zuerst auf gettyimages gehen, um da das Bild complet zu sehen.

    Das hat Charme und Stil. Und zwar den von Idioten. Der sich fortsetzt, wenn man dort die Bildstrecken durchklickt, die nie wirklich beendet werden und dann Fotos von irgendwelchen anderen Promis in textlichen Zusammenhang mit dem Eingangstext sortiert bekommt. Das ist so skuril inkompetent, dass es fast schon wieder schön ist.

    Man sitzt allerdings als Web-Designer, Fotograf, Texter davor und denkt sich seinen Teil – denn das alles konnten Profis schon immer besser … wie Du so schön im Text schreibst, „Denken die Auftraggeber eigentlich?“

    4 Heike Rost August 12, 2010 um 11:29

    Erinnert mich an das so legendäre wie hirnlose Zitat eines Chefredakteurs: “Ein Bild, das nicht ins Format passt, gibt’s nicht – das schneid ich mir zurecht!” Den Rest dazu gibt’s hier zum Nachlesen: http://www.heikerost.com/texte/geschichten/einfall/ ;-)
    Skurril inkompetent? Ich schätze, da ist das CMS am Werk und muss als Entschuldigung herhalten. Herrjeh!

    5 Susanne Vieser August 13, 2010 um 09:22

    Hallo Heike Rost,
    deinen Ärger kenne ich gut. Noch so eine Geschichte darüber, dass Verleger ihr Geschäftsmodell vollkommen aus den Augen verloren haben, die neue Medienvielfalt nicht kompetent ordnen und vor allem bestücken können. Und das der gute Herr Schweizer meint, die Journalisten vor allem brauchen die Verlage (und nicht umgekehrt) entspricht der Mentalität dieser Branche: Die immer wieder die Wirtschaft und andere Unternehmen beurteilt, sich selbst aber weder um Qualitätsmanagement, Personalentwicklung und Zukunftsperspektiven schert. Wo soll denn der kompetente Umgang mit verschiedenen Informationskanälen herkommen, wenn Verleger auf dem Standpunkt stehen, Journalisten müssten nichts mehr lernen, sie könnten doch recherchieren? Und findige Controller zuerst die Weiterbildungsprogramme kappen, weil der Herr Verleger damit sofort viel Geld sparen kann? Und warum erscheinen die besten neuen Medien/Zeitschriften gar nicht dort, wo sie eigentlich entwickelt werden müssten, sondern in engagierten Redaktionsbüros? Ja, es liegt Einiges im Argen in der Branche – und das ist nicht einmal nur das Internet, dieses spiegelt nur besonders deutlich, was schon Jahrzehnte schief läuft.

    6 VonFernSeher August 26, 2010 um 21:07

    Nicht, dass ich die Agenturpapperseiten der Zeitungen in irgendeiner Weise rechtfertigen wollte, aber was genau kann man daran denn mit Multimedia oder HTML5 ändern? Jede Hinzunahme hat doch bisher eher zur Verarmung der Seiten geführt, siehe Klickstrecken, Flashspiele, Twitter-, Facebook-, Haumichtotknöpfe.

    Wer keine guten Geschichten zu erzählen hat, dem hilft doch auch eine tolle Aufbereitung nichts.

    7 Heike Rost August 27, 2010 um 10:01

    Erst kommt die gute Geschichte, dann die Verpackung: Insofern halte ich das Modewort “Multimedia” oft genug für völlig überschätzt, weil es so manche “leise” Geschichte schlichtweg töten kann. Klickibunti im Überfluss mit Flash und Co. ist auch nicht zwingend Gewinn für eine Website. Ich bin allerdings gespannt auf viele ergänzende gestalterische Möglichkeiten, die HTML5 bietet: Jenseits von Flash auch für Mobile Devices darstellbar, typografisch schön zu gestalten und eine Menge mehr.

    8 Oliver Driesen August 12, 2011 um 16:53

    Kann als Textjournalist allem nur aus vollem Herzen zustimmen. Sie sägen sämtliche Ästlein ab, auf denen sie möglicherweise mal sitzen könnten. Ganz schlimm: die Inflation der Fotostrecken mit Textanteil, nur zu dem einen Zweck in zwölf Einzelteile verhackstückt, um zwölf Klicks statt einem zu generieren. Ach ja, aber was hilft das alles. Es darf kein Geld kosten, also wird es auch genau so.
    Ich warte auf das erste journalistisch gemachte, hysteriefreie und mit Geld hinterlegte Online-Medium, das noch aus dem Wissen und der Kreativität ausgebildeter Spezialisten schöpft. Das abonnier ich dann, und damit fertig.

    9 Heike Rost August 12, 2011 um 18:26

    Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie’s gefunden haben, dieses beschriebene Medium? Ich abonnier es auch. Subito. ;-)

    Und noch etwas: Einerseits schon lustig, dass der Blogpost bereits ein Jahr alt ist. Andererseits sehr unwitzig, dass sich in der Zwischenzeit nichts verändert hat. Nicht in den Köpfen – und das dürfte das Hauptproblem sein. Zitat aus einer Kollegenrunde kürzlich: “Mit dem ganzen Internetdings hab ich’s nicht so.” Sehr beachtlich, vor allem angesichts der Tatsache, dass das beileibe keine Einzelmeinung war und noch dazu nicht einmal von älteren KollegInnen geäußert wurde. Ich schwanke bei solchen Stilblüten zwischen stiller Verzweiflung und hochgradigem Amüsement. Letzteres fällt mir allerdings zunehmend schwerer, ehrlich gesagt.

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