Lillian Bassman, 1917 – 2012

von Heike Rost am 14. Februar 2012

in Inspiration, Visuelle Kultur

“Ich hatte ein schrecklich kommerzielles Leben”, sagte Lillian Bassman in einem Interview, das sie 1997 der New York Times gab. “Ich fotografierte alles, was es zu fotografieren gab: Kinder, Getränke, Zigaretten, Kosmetik.” Ihr Markenzeichen waren jedoch die Bilder, die sie vor allem in den 40er und 50er Jahren fotografierte. Bilder graziler, elfengleicher Models, denen sie in der Dunkelkammer geheimnisvolle Tiefe einhauchte: Mit verschiedenen Stoffen bearbeitete sie einzelne Bildpartien, um ihnen Struktur und Unschärfe zu verleihen; und trug Bleichmittel auf, um die Anmutung ihrer Fotos zu verstärken.

Über das bloße Abbild hinaus, das die Kamera liefert, war Lillian Bassman vor allem daran interessiert, eine neue, eigenständige und interpretierende Sichtweise zu schaffen. Sanft, leuchtend, filigran und irgendwie unwirklich, so könnte man ihre Bilder beschreiben, geprägt von unverwechselbarer Eleganz und Leichtigkeit. Bassman, die als Tochter jüdisch-russischer Emigranten 1917 in New York geboren wurde und in der Bronx aufwuchs, begann ihre künstlerische Laufbahn bei Harper’s Bazaar, wo sie nach ihrem Studium als Textildesignerin eine Assistentenstelle bei Alexey Brodovitch antrat. Der Art Director von Harper’s Bazaar war beeindruckt von der jungen Künstlerin – und bot ihr an, bei einem Ableger des Magazins als Art Directorin zu arbeiten. Auf der Suche nach überraschender, neuer Bildsprache zeigte Bassman damals die Arbeiten noch unbekannter Fotografen, die später zu Ikonen der Fotografie wurden: So auch Richard Avedon, Arnold Newman und Robert Frank, deren Fotos sie so sehr beeindruckten, dass sie selbst anfing, sich intensiv mit Fotografie zu befassen.

Ihre Arbeiten erschienen regelmäßig in Harper’s Bazaar und prägten lange Zeit das Magazin. In den 60er Jahren dann verabschiedete sich Lillian Bassman aus der Werbefotografie. Gelangweilt von den Models und enttäuscht von der Entwicklung der Fotografie, zerstörte sie einen Großteil ihrer Negative, packte den verbliebenen Rest in Müllsäcke – und vergaß sie auf dem Speicher ihres Hauses. Stattdessen widmete sie sich ihrer eigenen künstlerischen Arbeit. In dieser Zeit entstanden zahlreiche, großformatige Cibachrome-Bilder von Blumen, Früchten und abstrakte Werke. Ihre Serie verzerrter männlicher Torsi ist mehr Malerei und Abstraktion als Fotografie und verstört und verwirrt den Betrachter. Ermutigt von Martin Harrison, einem Kurator, fand sie erst in den frühen 90er Jahren wieder zu ihren fotografischen Wurzeln zurück.

Während ihrer Zeit bei Harper’s Bazaar fühlte sie sich gefesselt von den Anforderungen und Vorstellungen des Magazins, die sich im Stil ihrer Bilder niederschlugen. Erst spät begann sie damit, die übrig gebliebenen Negative erneut auszuarbeiten. Die “Neuinterpretationen”, wie sie ihre Abzüge der alten Negative nannte, spiegeln ein anderes Verständnis von Fotografie: Lillian Bassman arbeitete mit Bleich- und Tonungsmitteln und verlieh den Bildern eine gänzlich andere, abstrakte und geheimnisvolle Aura, die ihre ganz eigene Sichtweise unterstreicht. Es scheint, als habe Lillian Bassman erst nach ihrem Abschied aus der Welt der Modefotografie wirklich zu sich selbst als Fotografin gefunden.

Lillian Bassmann starb am 13. Februar 2012 in New York.

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