“Das Bild sagt: So ist es gewesen.” schrieb der französische Philosoph Roland Barthes. In seinen Werken “Rhetorik des Bildes” und “La chambre claire” (“Die helle Kammer”, Paris, 1980), formulierte er mehrfach diesen Gedanken der absoluten Authentizität und des Dokumentarischen. Fotografieren an sich war für Barthes eine subjektive, mit allgemein überprüfbaren, wissenschaftlichen Formeln nicht zu erfassende Erfahrung des Fotografen. Ausdrücklich getrennt dabei: Der rein technische Vorgang des Reproduzierens und Abbildens und die individuellen Ebene der Wahrnehmung sowie der daraus resultierenden Umsetzung in eine (Bild)Sprache des Fotografen, die aus ästhetischem Wissen, visueller Prägung, Erfahrung und Identität des Bildautors geformt wird. Dieser persönliche Prozess des Abbildens machte für Barthes erst tatsächlichen Wert und inhaltliche Überzeugungskraft von Fotografie aus.
Zwischen Bildermassen und Datenbanken lautet die Aussage vieler Bilder heute dagegen: “So könnte es gewesen sein.”. Digitalisierung suggeriert Machbarkeit, bietet umfassende Verfügbarkeit, jederzeit und überall; passt es nicht, wird’s der Rechner schon richten. Glatt gepixelte, geschönte Bildfluten im Netz sind hochglänzend hübsch, bunt und technisch perfekt. Können sie aber mit klaren Aussagen überzeugen? Sind sie intensiv und dicht in ihrer Sprache? Können heutige Bilder ihre Betrachter faszinieren und berühren? Bleiben sie im Gedächtnis des Betrachters verankert, liefern sie Anstoß für die Entwicklung eigener Gedanken aus der Betrachtung heraus? “Man hat die Fotografie dazu gebracht, ihre Ausrüstung zum Fetisch zu erheben, an oberflächliche Methoden und Konzeptionen zu glauben..[...]” schrieb Ansel Adams bereits 1943 in seinem Essay “Ein persönliches Credo”. Von einer “Kultur des Visuellen” sind wir heute tatsächlich weiter entfernt, als uns bewusst ist.
Lächerlich niedrige Bildetats bei Auftraggebern aller Sparten und zunehmende, ignorante Urheberrechtsdebatten signalisieren die Geringschätzung des Visuellen und seiner Autoren. Das Bild, wichtiges Kulturgut an sich, wird kontinuierlich entwertet – in bemerkenswerter Wechselwirkung zwischen wirtschaftlichen und inhaltlichen Aspekten. Ob Leserreporter, Knipsbilder, Klickstrecken oder Datenbankcontent, alles ähnelt einander, ist austauschbar und oberflächlich, auf erschreckend stereotype Weise. Betrachter konsumieren im flüchtigen Vorübergehen ebenso flüchtige Bilder, deren Qualität einzig in ihrer Vermarktbarkeit und Verkäuflichkeit besteht. Sie sind so schnell gemacht wie wieder gelöscht, vom Speicherchip wie aus dem Gedächtnis desjenigen, der sie gesehen hat. Zur tatsächlichen Wahrnehmung oder gar zur Interpretation fehlt zeitliche Distanz; der nächste visuelle Eindruck wartet schon. Woran erinnern wir uns tatsächlich präzise? An nur wenige Bilder, denn zeitgeschichtliche Ereignisse, Berichterstattung oder Werbung haben eine Gemeinsamkeit: In den allgegenwärtigen Bildern verschwimmen Bedeutung, Aussage und Erinnerungswert zu einem undefinierbaren, diffusen Grundrauschen ohne größeren Erinnerungswert.
Immer perfekter funktionierende Fototechnik trägt zu dieser Entwicklung entscheidend bei. Das technisch gelungene Bild als Zusammenspiel aus Soft- und Hardware ist ebenso beliebig ersetzbar wie seine Infrastruktur. Dabei zeigt die zunehmende Übersetzung von Information in visuelle Elemente, dass individuelle Interpretation, eigenständige Bildsprache und Auseinandersetzung mit Inhalten und Bildwirkung wichtiger denn je wären. Vielfalt, Austausch und Chancen auf visuelle Weiterentwicklung scheitern – an der schieren Masse verfügbarer Bilder. Deren Beurteilung durch Dritte wird immer öfter zum ausschließlichen Maßstab für visuelle Qualitäten, ob im kommerziellen Umfeld oder in Communities und auf Plattformen. Ihre Überzeugungskraft geht Bildern in diesem Spannungsfeld so sehr verloren wie ihr rein wirtschaftlicher Wert: Wertigkeit und Wert “zum Anfassen”, ob in Alben, Archiven oder im Rahmen an der Wand sind auf wenige Ausnahmen reduziert. Die virtuellen Datengebilde sind buchstäblich “nicht greifbar”, entwertet durch ihre physikalische wie inhaltliche Flüchtigkeit.
Dazu einige lesenswerte Beiträge und Denkanstöße im Netz:
✩ “What IS Creativity Anyway?” – Jan Phillips, The Huffington Post
✩ “Fotografie: Zuviele Bilder” – DRadio Wissen, Podcast einer Diskussion mit Peter Bitzer (Geschäftsführer der Agentur Laif), Maurice Weiss (Fotograf von Ostkreuz) und Tibor Bogun (Ressortleiter Grafik bei ZEIT Online)
✩ “Das digitale Bildvergessen” – Beitrag von Prof. Dr. Andreas Schelske zum Symposium der DGPh 2005
✩ “Iconic Turn“ - Ein interdisziplinäres Projekt der Hubert Burda Stiftung, das sich der Veränderung von Bild(be)deutung in verschiedenen Wissenschaftsbereichen widmet.
✩ ”L’Atelier des icônes” – Blog von André Gunthert (Societé française de la photographie, Gründer des Laboratoire d’histoire visuelle contemporaine/Lhivic)
Lesetipps offline:
✩ “Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photographie” - Roland Barthes‘ sehr persönliches Werk zur Photographie, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518381427
✩ “Fotos für alle – André Malraux” – Essay von Claudia Balmer, erschienen in “Ideengeschichte der Bildwissenschaft – Siebzehn Porträts“, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518295373
✩ “Magie der Technik – Aby M. Warburg” – Essay von Thomas Hensel, erschienen in “Ideengeschichte der Bildwissenschaft – Siebzehn Porträts“, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518295373
✩ “Rhetorik des Bildes” – Essay von Roland Barthes zur Semiotik und Sinnhaftigkeit von Bildern, in: “Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn: Kritische Essays III”, Edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518113677
✩ “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” – Walter Benjamin, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518068526







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