Boulevard statt Galerie – photokina 2012 ohne “Visual Gallery”

von Heike Rost am 23. Januar 2012

in Visuelle Kultur

Was haben Jim Rakete, Thomas Höpker und Elliott Erwitt gemeinsam? Ihre Einzelausstellungen gehörten in den vergangenen Jahren zu den attraktivsten Anziehungspunkten der photokina, die der Fachmesse beeindruckende Besucherzahlen, weltweite Resonanz und spannende Diskussionen rund um Fotografie jenseits der Technik bescherte. Bereits seit 1950 holte L. Fritz Gruber, selbst Fotograf und leidenschaftlicher Bildersammler, als einer der Gründer der “Kölner Photo- und Kinomesse” immer wieder Meister der Fotografie nach Köln; internationale Fotografen, beispielsweise Sebastiao Salgado, aber auch regionale Größen wie Carl Heinz Hargesheimer, dessen Nachlass Gruber 1978 ins Museum Ludwig holte. Viele andere Künstler wurden überhaupt erst durch die photokina einem internationalen Publikum bekannt. Gruber, auch Gründer der Deutschen Gesellschaft für Photographie, etablierte damit einen wichtigen inhaltlichen Teil der Weltfachmesse, der seit 2002 als Visual Gallery Einzelausstellungen der Fotokunst präsentierte.

Perspektivwechsel ins Jahr 2012, auf eine Branche in ernsthaften Turbulenzen: Einbrechende Umsätze, ein übersättigter Markt, Folgen der Erdbebenkatastrophe in Japan, Überflutungen in Thailand und dadurch bedingte Produktionsausfälle der Kamerahersteller, alles sind nachvollziehbare Gründe für drastisches Sparen in Köln. Insider der Fotobranche berichteten allerdings schon länger von rückläufigen Ausstellerzahlen und deuteten entsprechende Folgen an. Die Entscheidung, künftig auf das Konzept großer Einzelausstellungen zu verzichten, bleibt dennoch nicht nachvollziehbar und stößt auf geharnischte Kritik: Erste Reaktionen von Ditmar Schädel/DGPh und Martin Schaden hat Damian Zimmermann bei Artnet zusammengefasst. Obwohl der Eintritt zur Visual Gallery kostenlos war, hat die photokina von den hochklassigen Bildpräsentationen profitiert. Sie waren für viele Profifotografen und Liebhaber von Fotokunst eigentlicher Grund, auch das beträchtliche Eintrittsgeld für den Besuch der Fachmesse zu zahlen. Aufgrund exzellenter inhaltlicher Konzeption lockte die Visual Gallery immer wieder innerhalb weniger Tage sechsstellige Besucherzahlen an, Köln und die photokina haben mit diesem Ausstellungsprogramm zum herausragenden Ruf als Pionierstadt der Fotokunst beigetragen.

Ob Hasselblad, Leica mit den regelmäßigen Ausstellungen zum Oscar-Barnack-Preis, Dr.-Erich-von-Salomon-Preis oder die grandiose Präsentation der Fotos von Dennis Hopper 2008: Nachwuchsfotografen, Profis und Fotografie-Liebhaber nutzten die Halle 1 als beliebten Szene-Treffpunkt abseits des Messetrubels. So bewegend wie unvergesslich war Nina Berman 2008 mit ihren Porträts der jungen Marines, gezeichnet von schweren Verletzungen aus dem Irak-Krieg. Oder Bettina Flitner, ebenfalls 2008, mit der Serie “Frauen mit Visionen – Europäerinnen”. Ab 2012 gibt es die Visual Gallery also nicht mehr. Stattdessen nennt sich das übriggebliebene Rumpfkonzept “Boulevard of Competitions”, für dessen einzelne Präsentationen ist ein Bewerbungsverfahren vorgesehen.  Bestandteile des Boulevards werden Bildexponate aus internationalen Wettbewerben sein, wie sie bereits in den letzten Jahren gezeigt wurden. Selten waren das wirkliche Glücksgriffe, in ihrer Mehrheit von hochglanzbunter Werbeästhetik und Verwertbarkeit geprägt: leicht konsumierbarer Stoff ohne größeren künstlerischen Anspruch und Gedächtniswert. Ob dieses neue, nicht kuratierte Konzept, noch dazu in den stark frequentierten Verbindungen zwischen den Messehallen, als angemessener Ersatz taugt? Das ist mehr als fraglich: Gerade die intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit Fotografie, Bildsprache und -ästhetik war die herausragende Stärke der “Visual Gallery” in Halle 1, zu deren Erfolg auch maßgeblich die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) und der Bund Freischaffender Fotodesigner (BFF) mit den von ihnen organisierten, hervorragenden Bildschauen beigetragen haben.

Der Verzicht auf einen ihrer wichtigsten Publikumsmagneten mag für die “world of imaging”, wie sich die photokina selbst bezeichnet, wirtschaftlich zunächst sinnvoll erscheinen. Auf der  inhaltlichen Ebene bedeutet diese Entscheidung: Keine intensive Auseinandersetzung mit Fotokunst mehr, auch keine Wieder- oder Neuentdeckungen wie im Fall von Dennis Hopper. Stattdessen “Fotos to go”, eine Art visueller Schnellimbiss jenseits allen hohen Anspruchs, mit genau der fotografischen Dutzendware, die ein weitgehend übersättigter Bildermarkt als vermarktungsfähig und -wert erachtet. Die tiefer gehende, auch kontroverse Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie entfällt, stattdessen spielt Technikvermarktung von Pixelboliden bis Großformat-Highenddrucker die alleinige Hauptrolle. Dabei wäre für die Fotobranche eine Beschäftigung mit den Inhalten von Fotografie enorm wichtig; gerade in problematischen Situationen zwischen Kodak-Insolvenz und Umsatzrückgängen, auch zur konzeptionellen Selbstfindung im ausufernden Pixelrennen. Stattdessen wird die kommende photokina zum reinen Techniktummelplatz der “Pixelpeeper”. Auch das ist eine Form der Bankrotterklärung.

Fotos: Koelnmesse/visual gallery 2010

Weiterführende Links zum Thema Visual Gallery

    { 9 comments… Kommentare lesen oder schreiben }

    1 Marc vm Januar 24, 2012 um 00:41

    Vollidioten. Und das drücke ich jetzt noch höfflich aus. Man ich bin echt sauer darüber, vor allem wen man bedenkt das ich letztes mal wirklich sehr sehr gute Sachen in der “Visual Gallery” entdeckt habe. Aber gut, Mainstream Messe für Leute mit Mainstream Geschmack dann nur noch. Pixelpeeper und Möchtegerns. Noch mehr Heinis die ihre 200mm Linsen durch die Hallen schleppen und sich gegenseitig wegschupsen vor den Bühnen mit Liveshootings um auch mal nen Model zu “erwischen”.

    Viel Spaß dann auch, ohne mich diesmal, schade. Nutze das Wochenende dann um mich auf richtigen Fotografie Ausstellungen zu vergnügen.

    2 Heike Rost Januar 24, 2012 um 09:08

    Behängt mit dicken Rohren, penetrant, nervig und aufdringlich, in einem US-Blog fand ich kürzlich eine hübsche Bezeichnung dafür: “gearheads”. Von Jahr zu Jahr nervtötender, das. Interessanterweise hatte man in der Visual Gallery weitgehend seine Ruhe vor den “Pixelpeepern”. Dafür Diskussionen über Fotografie, über Inhalte, visuelle Kultur. Schade, dass ausgerechnet die “world of imaging” nur noch auf Technik, Verkauf, Mainstream setzt.

    3 Jeriko Januar 24, 2012 um 22:51

    Ich verstehe nicht warum man dafür nicht einfach auch Eintritt genommen hat. Es geht ja um Einsparungen, und bisher war Halle 1 stets kostenlos. Herrje, mit einem Fünfer wäre doch schon einiges geholfen gewesen, und das wäre angesichts des Gebotenen nun wirklich nicht zuviel gewesen.

    Ich werde wohl trotzdem hingehen, aber meine Motivation hat dadurch eine deutliche Delle bekommen.

    4 Marc vm Januar 25, 2012 um 20:13

    Wenn du in Köln bist sagste bescheid dann trinken wir mal nen Bier oder zwei. Aber nur wegen der Technik gehe ich nicht auf die Photokina. Es sei den ich kriege ne Karte umsonst.
    Ehrlich gesagt ich hätte locker auch 15€ Eintritt für die Gallery bezahlt.

    5 Heike Rost Januar 25, 2012 um 20:26

    Das mach ich doch glatt! Für das bisherige Konzept der Visual Gallery, idealerweise mit einem Katalog, hätte ich freiwillig den Eintritt gelöhnt. Aber so … nee, nur wegen der Technik …

    6 Christian Rohweder Februar 1, 2012 um 18:31

    Hm, ich würde mal sagen, es ist dann nur eine Frage der Zeit wann die Photokina Teil der CeBIT wird. Denn wenn es in der Hauptsache nur noch um die Technik geht, was brauchen wir zwei Technikmessen in Deutschland? Ich weiß, ist böse. Aber die Kölner demontieren sich ja gerade selbst.

    7 Michael Mahlke Februar 1, 2012 um 20:54

    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann werden zukünftig Fotos der führenden “Profi-Fotowettbewerbe” ausgestellt, nicht kuratiert.

    Ich denke, dass hier auch ein Bedeutungswandel von DGPH und BFF (den ich nicht so gut kenne) deutlich wird.

    Bei der DGPH habe ich eine spezielle “ich spreche für dich und du sprichst für mich Mentalität” erlebt, Ausgrenzungen inbegriffen. Beim BFF weiss ich nicht.

    Aber klar ist, dass Fotografie und Professionalität eine neue Definition erfahren und diejenigen auch die Ausstellungen auf der photokina bestimmen wollen, die dafür bezahlen.

    Das ist woanders schon lange so. Deutschland kommt damit auch fotografisch in der Globalisierung an.

    Die Zukunft liegt auch da im Internet. Die Chance, durch Online-Ausstellungen bekannt zu werden kann dadurch wachsen. Was gut ist bestimmt nicht mehr eine Vereinigung wie die DGPH.

    Wie gesagt, David duChmenin dürfte in Deutschland nicht einmal die Berufsbezeichnung Fotograf tragen….

    Langsam kehrt die Freiheit in der Fotografie auch in Deutschland ein.

    8 Thyl Engelhardt Februar 2, 2012 um 20:27

    Fand die letzte Photokina schon nicht besonders spannend. Um nicht zu sagen öde und leer. Die Vielfalt auch ungewöhnlicher Produkte hat in den letzten Jahren für mein Gefühl gelitten. Der “kina”-Teil der Photokina ist unterwegs auch irgendwo verloren gegangen (den hab ich aber mittlerweile zeitgleich in München wiedergefunden, aber ob sich diese Messe hält?). Und durch die zunehmende Irrelevanz oder den Kollaps der Filmhersteller (Fuji, Agfa, Kodak, Ilford, Polaroid) und die folgerichtige Verkleinerung deren Präsenz gibt es bei denen auch keine Fotoausstellungen in nennenswertem Umfang mehr.

    Und jetzt auch das noch. Wieso geh ich noch hin? Ach genau, ich besuch gleichzeitig meine Eltern.

    Irgendwie kommt mir der Spruch von der Revolution, die ihre Kinder frisst, in den Sinn.

    9 Heike Rost Februar 2, 2012 um 20:40

    Nach der letzten photokina war ich enttäuscht von der quasi-Pflichtveranstaltung für Fotografen. Die inhaltlichen Glanzlichter sind spärlicher geworden; aus dem Umfeld der Herstellerfirmen kamen Andeutungen von Umsatzrückgängen, Teilrückzügen, Verlusten. Gut vernetzte Kollegen haben das schon im vergangenen Jahr befürchtet: Die Visual Gallery ist Kostenfaktor – und angesichts der Sparzwänge wohl bald Geschichte. Umsatz-, Besucher- und Ausstellerzahlen der letzten Jahre im Vergleich liefern weitere Fakten: Zwar meldet die photokina in einer Pressemeldung zur 2010er-Messe eine Steigerung der Ausstellerzahlen um 10% auf 1241 Teilnehmer. Das hört sich gut an, ein Blick auf die Zahlen der Vorjahre ist aber erhellend: 1600 Aussteller im Jahr 2006, 2008 der Tiefpunkt mit knapp 1200 Ausstellern. Fototechnik zu verkaufen ist in einem übersättigten Markt mit immer kürzeren Produktzyklen und zum Teil horrenden Preisen ein mühsames Geschäft.

    Die Kamerahersteller dampfen ebenfalls kräftig ein, Service für Professionals wird bei den Großen der Branche momentan spürbar reduziert, ob via Schließung von Service-Werkstätten oder Mindest-Equipment-Voraussetzungen, die ausschließlich aus Kameras und Objektiven der allerneuesten Generation bestehen. Und: Bereits im Herbst 2011 gab es eine Pressemitteilung der photokina zum Konzept “Boulevard of Competitions”; die Visual Gallery war dort mit keinem Wort mehr erwähnt. Das damals angekündigte Konzept, das seit Anfang 2012 zum Download zur Verfügung steht, ist sehr deutlich: Bewerbungen um die fünf Positionen der Präsentationen werden angenommen, möge der Beste gewinnen! (Persönliche Anmerkung: Reine Technikmessen finde ich ziemlich trostlos. Ob gemeinsam mit Kollegen oder alleine, die Inspiration vieler stiller Bilder und überraschender Entdeckungen in Halle 1 wird mir fehlen. Vor einigen Jahren hatte ich dort das Vergnügen eines wunderbaren Gesprächs mit L.Fritz Gruber. Ich bin sicher: Er wäre sehr traurig über diese Entwicklung.)

    Kommentar schreiben

    { 2 trackbacks }

    Vorherige Texte:

    Neuere Texte: