“Everything from portraits to landscapes can be more powerful when they’re black-and-white photos. Once you know how to recognize tonal contrast, texture, shapes, and patterns, your monotone images will be anything but monotonous.” (John Batdorff)

Aus stilistischen Gründen, als Konzentrationsübung oder Mittel der ästhetischen Überhöhung von Fotografie, viele Fotografen von Ansel Adams und Yousuf Karsh über Henri Cartier-Bresson bis Peter Turnley haben die Schwarzweißfotografie bevorzugt. Gerade im geschwätzig bunten Pixelsammelsurium sind die ruhigen, farbenfreien und dadurch stillen Bilder beliebt wie nie: Ausstellungen sind ein Renner, Galerien freuen sich über reges Besucherinteresse, Bildbände großer Fotografen und Bücher über die handwerklichen Grundlagen des farbfreien Fotografierens verkaufen sich bestens. Auf Flickr, Picasa und Instagram finden sich zunehmend Schwarzweißfotos, darunter bemerkenswerte Arbeiten wie die spannenden iPhone-Fotos von Koci alias Richard Hernandez oder Konstruktivist alias Dan Cristea.
Die “farblose”, ganz und gar nicht monotone Welt ist dabei eine ganz eigene Angelegenheit: Schwarzweißfotografie setzt ebenso spezielles fotografisches Sehen wie auch gestalterisches und handwerkliches Können voraus; Abstufungen von Farbwerten und -helligkeiten wahrzunehmen, sie in ein überzeugend komponiertes Bild umzusetzen, braucht viel Übung. Mancher Fotograf sieht und denkt ausschließlich in Farbe, bleibt darauf beschränkt, alles andere ist eine Art visueller Parallelgalaxie. Für Fotografen, die an ihrer Bildgestaltung, ihrer Sichtweise und der Konzentration auf Bildaussagen arbeiten möchten, ist die versuchsweise Umwandlung von Farb- in Schwarzweißbilder dennoch empfehlenswert. Die fotografische Fingerübung der Reduzierung um alle ablenkende Farbe, offenbart gnadenlos und in schmerzhafter Deutlichkeit die vorhandene Schwächen von Gestaltung, Aussage und Lichtführung in Fotos.
Ansel Adams beschrieb 1967 den “unauflöslichen Konflikt” zwischen der Farbtreue von Farbfilmen und der subjektiven Reaktion des Betrachters auf Farbigkeit. Besser als “in der läppischen Realität” könne er Farbabstufungen in einem sorgfältig durchkomponierten und ausgearbeiteten Schwarzweißbild erkennen: “In keinem anderen grafischen Medium kann Farbe so ärgerlich sein wie beispielsweise in der Interpretation einer Landschaft.” Eine große Rolle spielt dabei die emotionale, äußerst subjektive Wahrnehmung von Farbigkeit. Gelb beispielsweise wird ebenso mit negativen Eigenschaften (Neid) wie mit Wärme und Heiterkeit (Sonne) assoziiert. Die Ausprägung des Farbtons zwischen “kühl” und grünstichig oder “warm” und rotstichig ist für die Interpretation ebenso ausschlaggebend wie individuelles Farbempfinden, das sich aufgrund unterschiedlicher Empfindlichkeit der Netzhaut von Mensch zu Mensch unterscheidet. Auch im historischen Kontext können Farben negativ besetzt sein: Gelb als Kennzeichnungsfarbe für Huren im Mittelalter, als Judenstern im Dritten Reich. Ein Verzicht auf Farbe bedeutet also auch eine Reduzierung um eine irritierende, äußerst ambivalente Interpretationsebene.
Dass nicht nur die Reduktion auf Schwarzweiß, sondern auch die umgekehrte Ergänzung zur Farbigkeit überraschende Wirkung entfalten kann, zeigen die Arbeiten der schwedischen Grafikerin Sanna Dullaway: Sie restauriert und koloriert historische Fotos. Ob Alfred Eisenstädts berühmtes Foto vom Times Square, Eddie Adams’ Bild der Exekution eines gefangenen Vietcong oder Dorothea Langes Porträt der “Migrant Mother”, aus weltbekannten “Ikonen der Fotografie” in Schwarzweiß entstehen am Rechner überarbeitete Bilder, die durch ihre Farbigkeit dem Betrachter fremd werden. Ob Winston Churchill, Albert Einstein, Abraham Lincoln oder Anne Frank: Durch die “Übersetzung” in naturalistisch anmutende Farbtöne verlieren die Porträts an Konzentration, erzählerischer Dichte und Überzeugungskraft. Die rekonstruierten Bilder historischer Ereignisse und Personen suggerieren dem Betrachter Realitätsnähe und täuschen Echtheit vor. Ihre rechnergenerierte Buntheit macht sie jedoch beliebig und austauschbar.
Weiterführende Links:
- “Painstaking touch-up of world’s most famous black and white pictures” (Daily Mail/Mail Online, 19.01.2012)
- “Historische und berühmte Schwarzweißfotos in Farbe von Sanna Dullaway” (Detailverliebt, 20.01.2012)
- Website von Sanna Dullaway
- Sanna Dullaway bei Facebook
- “Langsame Heimkehr – Die Lehre der Sainte-Victoire”, Peter Handke, suhrkamp taschenbuch
- “Ansel Adams in Color” - Eine Zusammenstellung der Farbfotos von Ansel Adams
- “Ansel Adams – An Autobiography” (englische Ausgabe, Hersg. Mary Street Alinder)







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” Farbenpracht blendet das Auge” [Laotse]