Grenzgänge …

von Heike Rost am 25. Juli 2010

in Momente,Visuelle Kultur

Dinge, die ich als Journalistin und Bildjournalistin zum Kotzen finde leid bin:

Klickstrecken von Katastrophen mit Werbeeinblendungen für Kosmetik, Mode, Autos. Oder mit der Möglichkeit, Bilder von Toten und Schwerverletzten als E-Card zu versenden (alternativ mit einem Facebook-Like-Button). Oder mit Bildern, die nicht mit Bedacht redaktionell ausgewählt werden, sondern aus gedankenlos aneinander gereihten Wiederholungen unterschiedlicher Ausschnitte des gleichen Motivs bestehen.

Ob Winnenden, Apeldoorn oder aktuell Duisburg: Furchtbare, manchmal grenzüberschreitende Bilder der Realität gehören zur Dokumentationspflicht von Journalisten. Es gehört aber auch zur heiklen Aufgabe von Journalisten, angesichts von Katastrophen die Balance zwischen Berichterstattung und Grenzüberschreitung zu finden. Eine angemessene Auswahl bedeutet bewussten Verzicht; auf manche Bilder, aber auch auf Werbeeinblendungen oder E-Card-Funktionen. Möge mir niemand erzählen, letzteres ließe sich in einem Content-Management-System nicht bei Bedarf deaktivieren!

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1 Wolf Juli 25, 2010 um 11:09

Es ist die Gedankenlosigkeit in den Redaktionen, dem Wunsch der Anzeigenabteilung (gibt’s das noch?) zu entsprechen, einen möglichst hohen Klickanteil zu generieren. Daran hat sich nichts geändert.

Ich bin noch im Besitz jenes Fotos eines nächtlichen Verkehrsunfalls, das mich zum sofortigen Berufswechsel veranlasste. Die Wette zwei besoffener Autofahrer gipfelte darin, als sogenannte “Geisterfahrer” über eine ca. tausend Meter lange Brücke zu rasen. In der Mitte der Brücke begegneten die Idioten einem Paar auf dem Motorrad.

Die unverletzt geflüchteten Täter profitierten später von den gerichtsüblichen Volltrunkenheits- Boni, während die Familien der Opfer noch bis heute traumatisiert sind. Ich auch. Fast 20 Jahre lang rührte ich keine Kamera mehr an, auch nicht für private Zwecke.

Gerate ich in einen “Stau auf der Gegenfahrbahn”, achte ich höllisch auf genügend Abstand zum Vordermann. Die Gaffer bremsen meist abrupt, während hinter mir noch ungeduldig gehupt wird. Die Drängelei endet spätestens in Höhe der Unfallstelle…

Es hilft nicht zu lamentieren, dass wir offensichtlich so gestrickt sind. Wenigstens Verleger, Chefredakteure und Journalisten sollten das Rattenrennen um die schrecklichsten Bilder verweigern. Auch wenn es Auflage kosten sollte. Der Preis einer Massen-Traumatisierung ist höher und der nächste Kommentar gegen sogenannte “Ballerspiele” umso unglaubwürdiger.

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