Bemerkenswerte Argumentation rund um eine Klickstrecke: “Wegsehen kann auch richtig sein!” – unter dieser Überschrift kommentiert Julia Hohenadel für den Online-Auftritt des Kölner Stadtanzeigers die “Gaffer-Problematik” am Rande eines schweren Unfalls. Ein durchaus ehrenwerter Beitrag, wäre da nicht auch noch die zum Kommentar passende Bilderstrecke – fotografiert von der engagierten Kommentatorin. Ulrike Langer wies heute in ihrem Blog Medialdigital.de auf diesen Widerspruch in sich hin; sehr interessant und lesenswert sind die Kommentare, die zum Teil an der Problematik vorbei argumentieren.
Ein Rundumschlag von Fotografen- bis Medienschelte greift dabei zu kurz: Es ist grundlegende Aufgabe von Journalismus, aktuelles Geschehen zu dokumentieren und darüber zu berichten. Dazu gehören auch Bilder von schweren Unfällen, Katastrophen, von Kriegen, Gewalt und Verbrechen. Bildjournalisten bewegen sich dabei immer in einem Spannungsfeld zwischen redaktionellem Auftrag, daraus resultierendem Druck und persönlichen Grenzen. Zwischen Restriktionen ihrer Arbeit und öffentlicher Kritik sind sie konfrontiert mit oft genug unfassbarem Geschehen, das weit über die eigene Schmerzgrenze hinaus gehen kann. Der Moment des Fotografierens ist mitnichten konfliktfrei oder gar von verantwortungsloser Sensationsgier geprägt; ein Foto zu machen oder nicht, bleibt dennoch individuelle Entscheidung eines Bildjournalisten.
In der Verantwortung des Veröffentlichenden – egal ob Print oder Online – liegt hingegen die Art und Weise, in der solche Bilder publiziert werden. Dokumentation und Information braucht in diesem Fall klare redaktionelle Entscheidungen: Gegen bloße Klickstrecken, deren Bilder als Füllmaterial zur Generierung von Zugriffszahlen kommentarlos ins Netz gestellt werden, für eine Auswahl und Beschränkung auf das notwendige Mindestmaß an Berichterstattung im Interesse der Öffentlichkeit. Redundante Bildmotive in zweistelliger Zahl, von denen maximal zwei oder drei relevant hinsichtlich ihres Informationsgehalt sind, werden zu einer sinnentleerten Galerie des Horrors. Durch das Fehlen jeglicher Einordnung im Kontext kommt diesen Bildserien der Charakter des Dokumentarischen abhanden. Oft sind sie garniert mit unpassenden Werbeeinblendungen, gelegentlich gar mit Möglichkeit, die Bilder des Horrors als Postkarte zu versenden: Das kritisiert der Journalist Fiete Stegers in seinem Kommentar völlig zu Recht, denn in dieser Art der redaktionellen Präsentation besteht die eigentliche ethische Grenzüberschreitung solcher Klickstrecken.
Als Journalistin bin ich durchaus der Meinung, dass man grausame Bilder zeigen kann, sogar muss. Auch um den Preis der Grenzüberschreitung, der Verletzung ethischer Tabus – weil sie Realität abbilden und Zeitgeschehen dokumentieren, so schmerzhaft solche Bilder auch zu ertragen sind. Gravierende Unterschiede gibt es allerdings in der Art der Veröffentlichung: Unter dem Titel “Behind the Scenes – To Publish or Not?” veröffentlichte der Lens-Blog der New York Times im September 2009 die Geschichte eines Fotos der AP-Journalistin Julie Jacobson, das sie während ihres Einsatzes als embedded photographer machte. Es zeigt einen tödlich verwundeten Marine in Afghanistan – und wurde nach langer interner Debatte von AP veröffentlicht.
Wie man trotz Veröffentlichung (in diesem Fall gegen den Willen der Angehörigen) respektvoll und fundiert mit einer solchen Thematik umgehen kann, zeigt die Fortsetzung: Zwei weitere Folgen der Berichterstattung im Lens Blog, publiziert unter den Titeln “Readers’ Voices: Public and Private Trauma” und “From the Archive: Not New, Never Easy“, beschäftigen sich mit der umfangreichen Diskussion des AP-Fotos im Forum des Blogs und der Öffentlichkeit ebenso wie mit der Rolle und den Themen der “War Photographer” im historischen Rückblick. Auch hier finden sich Bildstrecken mit zum Teil grausamen Bildern. Der wesentliche und über ihre Wahrnehmung entscheidende Unterschied liegt in der Art der Präsentation und Kommentierung des Bildmaterials, in der sich die komplette Bandbreite der Positionen zwischen Ablehnung und Befürwortung widerspiegelt. Davon sind die immer wieder kritisierten Klickstrecken, von denen einige auch schon Gegenstand von Beschwerden beim Deutschen Presserat waren, in all ihrer Oberflächlichkeit weit entfernt.
Nachtrag: Fiete Stegers zum gleichen Thema bei Onlinejournalismus.de.
Lektüretipps zur Thematik:
✩ Die National Press Photographers’ Association/NPPA über die Debatte um das AP-Foto und die aufgrund der Diskussion geänderten Regeln der US-Streitkräfte für “embedded photographers”. Die NPPA hat darüber hinaus einen lesenswerten Code of Ethics in the Age of Digital Photography veröffentlicht.
✩ ”Bildtheorien in Geschichte und Gegenwart” von Klaus Hombach – ein Überblick zum Bildbegriff und dessen Funktionen (u.a. Abbilden als Funktion der kognitiven Verarbeitung von Geschehen)
✩ “Tous Journalistes?” André Gunthert 2009 über die Attentate von London 2005 und die Rolle der Citizen Journalists.
✩”Camera Phones Prevail: Citizen Shutterbugs and the London Bombings” – Robert Bain im Digital Journalist zum gleichen Thema.
✩ “Horror und Ästhetik. Eine interdisziplinäre Spurensuche” von Claudio Biedermann und Jens Stiegler, UVK Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3867640664
✩ “Medienbilder – Inszenierung der Sichtbarkeit” von Götz Großklaus (u.a. zum Aspekt von Schrecken und Bannung durch Bilder), Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518123195



{ 9 Kommentare… Kommentare lesen oder neuen Kommentar schreiben }
Ein sehr guter Beitrag. Ich freue mich, dass Du Dir die Zeit genommen hast, das Thema zu vertiefen, das ich gestern aus Zeitmangel nur kurz anreißen konnte. Vielen Dank auch für die Zusammenstellung der Lektüretipps. Die online verfügbaren Inhalte werde ich mir demnächst mal in Ruhe anschauen
P.S. Ich denke genau wie Du, dass zwischen der Dokumentation eines Unfalls und einer Verwurstung als Klickstrecke ein großer Unterschied besteht.
Was mich wirklich stört: Dass die vertiefende Diskussion um solche Klickstrecke entweder völlig am Thema vorbei schrammt, ganz schnell in unsachliche Vorwürfe abgleitet – oder überhaupt nicht geführt wird. Als Bildjournalistin und Photographin ziehe ich allerdings auch ein bedauerliches Fazit aus zahlreichen Diskussionen mit Kollegen; mit Bildern arbeiten und sie redaktionell einzusetzen ist das eine. Um ihre Wirkung zu wissen (Stichwort Wahrnehmung und Psychologie), ist etwas ganz anderes…..
Interessanter aber unglaublich doofer “Copyright”-Schutz.
Da hat mal wieder jemand das Web nicht verstanden, Frau Rost – aber fleißig bloggen, hm?
Peinlich.
In diesem Blog wird gerade vieles ausprobiert – und das dürfen Sie gerne finden, wie Sie möchten, Florian.
In der Tat sollen und müssen Bild uns machmal mit der Nase auf die Wahrheit und Realität stoßen. Wenn “harte” Bilder zeigen, wovor viele so gerne die Augen verschließen, dann sind es gute Bilder. Ob es Unfallbilder sein müssen, darüber mag man sich streiten. Aber es gibt Bilder wie beispielsweise der Worldpress Photo Award zeigt (http://www.lerg.de/?p=219). Dort wird eine Realität gezeigt, vor der viele so gerne die Augen verschließen, um in ihrer schönen heilen Welt nicht gestört zu werden. Unerbittliche Bilder, schonungslos offen. Solche Bilder will ich sehen.
Gruss
Andreas
trauriger nebeneffekt ist auch, dass man ohne javascript auszuschalten in den kommentaren nicht so bequem zitieren kann. javascript kann eine so sinnvolle erweiterung des webdokuments sein. es ist schade mit anzusehen, wie manche leute es als möglichkeit verstehen, ihr dokument zu kastrieren. dass das eh nicht funktioniert, zeigt das zitat in diesem kommentar. es wurde mit rechtsklick usf. hineinkopiert.
aber florian, warum so hämisch? ich teile ja ihre enttäuschung, aber man darf doch sein blog so kaputtverbessern, wie man will.
.~.
lesenswerter beitrag, dem nichts hinzuzufügen ist! vermutlich wird er aber wie der ruf in der wüste verhallen und nicht zu einer änderung in den redaktionsstuben beitragen. aber dennoch danke!
Irgendwie erheiternd, dass bereits zwei Kommentare sich lieber mit einem vorübergehenden vormittäglichen Kurzversuch in Sachen Javascript befassen – aber jeglichen thematischen Bezug zum Artikel vermissen lassen ….. SCNR
Hallo Heike,
Ach die Technophilie….
Aber zur Sache… Ich bin auch Journalist (englischsprachige, deswegen bitte mein Deutsch verzeihen)…. es ist eine wirklich faszinierende Diskussion hier möglich. Was ist die Rolle des Journalisten? Wann sind wir unbeteiligt, wann müssen wir Partei ergreiffen. Ja, Bildstrecken freiklickbar von irgendwelchen Grausamkeiten an der Autobahn sind eigentlich für den Voyeur…. vielleicht.
Case by case muss man sich das Zeugs anschauen…. Seien wir ehrlich: Wenn die Bildzeitung sich in Grausamkeiten wältzt, hat es damit zu tun, dass diese “Zeitung” sucht sich Voyeurs die in der traurigen Atmosphäre einer S-Bahn sucht. Verallgemeinung, weiss ich, aber der Kontext ist schon wichtig. Aber Voyeurismus und Hype…. zwei grosse Themen…. Darf man den Voyeurismus nähren, ist es Voyeurismus, und wenn schon, wo ist das Pendant dazu, der Exhibitionismus?
Was Krieg betrifft, da wird es sehr heikel. Herr Gates (es geht um dieses Bild vom Soldaten Bernard), Verteidigungsminister, ist dagegen. Genau wie bis vor kurzem die Särge der aus Irak und Afghanistan zurückgekehrten Leichen nicht fotografiert werden durften. Warum… Er sagt um die Privatsphäre zu bewahren. Zum Teil hat er recht. Zum grossen Teil, aber lügt er (disingenuous wäre das richtige Wort auf Englisch). Weil seine Entscheidung damit nichts zu tun hat. Es hat eher mit der Geschichte von Vietnam zu tun … “the body bags”… Die Amerikaner mögen nicht die dunkle Seite ihrer Kriege sehen. Es würden den Heldenmythos zerstören. Soldaten sterben nicht heldenhaft (Celine schreibt brilliant darüber in Voyage au bout de la nuit, und Vian hat einen Superbeitrag auch darüber), sondern hundsmiserabl. Aber in den USA zur Zeit — wie in anderen Ländern früher — ist jeder Soldat ein Held, egal wie ungerecht, unfair, illegal und brutal der Krieg….
Fazit: Herr Gates betreibt Propaganda. Und sagt, wir Journalisten würden es auch tun in dem wir solche Fotos veröffentlichen…. (Hier würde ich gern einen ganzen Aufsatz über die Natur des Photographierens, Kriegsberichterstattung und auch die Veränderungen im kollektiven Wahrnehemen hinzufügen … Ich habe so viel über den ersten Weltkrieg gelesen, zum Beispiel, da waren schon Fotos zu sehen…. Ich, persönlich, hasse diese seichte Heldenhaftigkeit der Kriegsmalerei von früher und von jetzt … Aber dieser Voyeurismus—-).
Was ein unglaubliches Thema unserer zeit. Wir sollten Bücher darüber schreiben… Aber Menschen wollen schnelle Bilder.
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