Unterwegs auf dem flachen Land, in der Mobilfunkdiaspora, im Zustand fast völliger Gehirnfreiheit. Nichts geht: Surfstick tot, kein Internet also, iPhone nur im Handstand direkt hinter dem Hauptheizungsrohr des ehemaligen Bauerngehöfts mit der reizenden Ferienwohnung. Sei’s drum, die Ruhe hat ihre Vorteile. Endlich wieder lesen! Keine Fachliteratur wie sonst normalerweise. Auch wenig bis keine durchgeistigte, hochwertige Lektüre, die den beruflichen Alltag nicht so hervorragend abstreifen ließe. Besser geeignet ist dazu das Bücherregal der Besitzerin des Gehöfts: Im Foyer des alten Bauernhauses steht ein riesiges Bücherregal mit einer höchst beeindruckenden Sammlung der Trivialstliteratur. Schmonzetten allerfeinster Qualität von Courths-Mahler bis Barbara Cartland, unter denen einzelne Werke von Georgette Heyer schon fast wie Weltliteratur anmuten.
Spontan habe ich Reich-Ranicki im Ohr: „Das ist das purrrrrrrrre Grrrrrrrrrauen, die Verluderrrrrung jeglicherrrrrrrrr literrrrrrarrrrrrrischerrrrrr Güte.“ Egal, was wäre besser geeignet, das Gehirn auf die überlebensnotwendigen Minimalfunktionen herunter zu pegeln? Vielleicht noch japanische Mangas, die sind allerdings Mangelware. Draußen herrscht merkwürdiges Wetter; zwischen heftigen Regengüssen stürmt es, eisiger Wind zaust die Bäume und lässt die ersten Blätter wirbeln. Das Wasser klatscht waagrecht an die Fenster, Sommer geht irgendwie anders. Leicht zerfledderte Jungschwalben schaukeln auf der Wäscheleine, lassen sich von den Eltern mit Fliegen füttern. Mögen einige der Stechmücken darunter sein, von denen ich regelmäßig überfallen werde. Die Noore, flache Tümpel, Teiche und kleine Seen in der Gegend, sind schuld: Idyllisch gelegen, große grün schillernde Libellen, Seerosen, alles da. Abendliche Jagden mit der Fliegenklatsche zwecks mückenfreier Zone sind das einzige, was hilft. Mückenschutzmittel? Aufreizend kichert die gemeine Stechmücke leise, bevor sie erneut zum Anflug ansetzt und ordentlich hinlangt. Eins der blutrünstigen Mistviecher erwischte mich am Auge. Blau angelaufen, komplett zugeschwollen, pardauz, Schlägerei gehabt? Nö, ich hab Mücke. Und ganztags Eisbeutel.
Morgens, beim Weg über die Wiesen auf den Feldweg, stolpere ich über Wildkaninchen. Vorwitzig lugen sie aus den Löchern ihrer Höhlen; Nordic Walking mit Hindernissen, zum Auslüften des Resthirns a.D., zur Kreislaufanregung, zum Mailbox abhören: Am Strand funktioniert tatsächlich wieder zumindest ein Mobilfunknetz. Witzig, dass die spannendsten Anfragen, Angebote und Aufträge genau dann bei mir landen, wenn ich in der Hängematte weile. Die hirnfreie Auszeit wird angemessen unterbrochen; Ideen sprudeln zwischendrin ordentlich, fast kann ich die Uhr danach stellen, wann es soweit ist. Vorzugsweise nachts zwischen drei und fünf Uhr weckt mich das Getrappel meiner Gedanken, die durch die Gehirnwindungen huschen. Auch in Nichturlaubszeiten tun sie das, ich habe mich an die kreativen Störenfriede gewöhnt. Immerhin haben sie mich im Lauf der Zeit dazu gebracht, nie ohne Notizbuch, Stift und Laptop in Reichweite schlafen zu gehen. „Schreib! Das! Auf!“, funkt das Gehirn an die Finger, sonst ist nach anschließender Tiefschlafphase garantiert nicht mehr vorhanden, was das Gehirn auf seinen eigentümlichen Traumpfaden, im Vorüberhuschen, ausbrütete.
Ach ja. Urlaub. Und in langen Ketten fliegen die ersten Zugvögel vorbei.






