Die kleinen Dinge des Lebens

Es geht in letzter Zeit recht getösig zu bei uns im Viertel. Bauarbeiten ohne Ende, aber auch andere, eher traurige Momente: Betagte Nachbarn ziehen fort, ins Pflegeheim, zu ihren Kindern oder sterben. Im Haus um die Ecke schlug in den letzten Tagen die Entrümpelungstruppe das Mobiliar kurz und klein, verlud Verwertbares auf mehrere Transporter, schleppte Bücher, Erinnerungsstücke, Bilder und abgeliebtes Kinderspielzeug aus dem Keller ins Freie. Ein merkwürdiger Moment der Melancholie – die Bewohner des Hauses waren mit meiner Großmutter befreundet, einer der beiden Söhne war ein Lieblingsschüler. Sie brachte ihm die Liebe zur klassischen Musik bei und saß oft abends mit ihm an ihrem Flügel. Außerhalb der Unterrichtsstunden, einfach so, weil sie Freude daran hatte, mit dem wißbegierigen Steppke zu musizieren. Aus dem Steppke wurde ein pubertierender Lümmel; während die beiden gemeinsam auf den Tasten improvisierten und sich freudig durch die komplette Bandbreite von Klassik bis Jazz jammten, setzte ihm Omi so manches Mal liebevoll den Kopf zurecht und hatte immer ein offenes Ohr für die kleinen und größeren Kümmernisse eines Teenagers. 

Jetzt standen vor dem Haus Kisten, Kästen, Bilderrahmen, Bücher, Möbelstücke und manche andere Kleinigkeit. »Man kann halt nicht alles mitnehmen«, sagte einer der Muskelmänner zu meiner Nachbarin und mir, als wir entgeistert vor dem Sammelsurium standen. Nach und nach fanden sich andere Nachbarn dort ein. Man kennt sich, der Vorort ist eher dörflich, man winkt sich über den Zaun zu, tauscht Gartentipps und Sämlinge, kümmert sich wechselseitig um Haustiere, Garten, erkrankte Bewohner. Ein paar Leute wohnen noch nicht lange hier, andere schon seit Jahren; und so kamen wir nach und nach miteinander ins Gespräch, erzählten uns von der Familie, die im Haus wohnte. Von dem älteren Herrn, der noch bis vor kurzem dort wohnte, bis er nach zwei schweren Stürzen in ein Pflegeheim umziehen musste. Von den beiden Kindern, zwei Söhne, deren einer vor ein paar Jahren starb und der andere den Kontakt zu den Eltern abbrach. Belesen war das Ehepaar, besaß eine große Bibliothek, die wie vieles andere aus dem Haus vermutlich auf der Mülldeponie gelandet ist. Im Vorgarten lagen Schachteln und Kästchen mit Urlaubsdias der beiden, zerschlagenes Porzellan, Kellerfunde und alte Steiff-Tiere, von Schimmel überzogen und mottenzerfressen.

Manch einer der Nachbarn schaute traurig auf die Berge von Hausrat vor der Tür. Fragte, ob er sich eine Kleinigkeit mitnehmen dürfe. Die Entrümpler zuckten die Achseln, lakonisch antwortete einer: »Was Sie mitnehmen, müssen wir nicht wegbringen. Ist uns völlig egal. Der Familie auch, die interessiert das alles nicht.« Und so standen gestern immer wieder Menschen aller Generationen vor dem Haus. Fanden, ohne zu suchen, manch einer wischte verstohlen eine Träne weg und ging mit einem geretteten Stück still und leise wieder nach Hause. Die Briefträgerin stand eine Weile stumm vor dem Haus, sie kannte seinen Bewohner und plauderte oft ein Weilchen mit ihm, ihrem Arbeitspensum zum Trotz. Ein junges Paar trug einen Schrank aus den 50er Jahren zu einem Transporter. Die beiden freuten sich sichtlich über ein schönes Stück. Mit ein wenig Pflege und Restaurierung wird das Möbel wieder ein Schmuckstück, das andere Leute als die ehemaligen Besitzer glücklich macht. Auch die Schallplatten mit klassischer Musik fanden wertschätzende Liebhaber, die sich über Beethoven, Händel und Bach auf schwarzem Vinyl freuten. Ein paar Figuren eines Kasperle-Theaters brachten ein kleines Mädchen zum Strahlen, die Federballschläger einen Bub von nebenan. Spiele, Bücher, schöne alte Weinkisten, Bilder, ein wenig Geschirr und Backformen werden jetzt anderswo eine Heimat finden.

Zwischen den ganzen Sachen lag unbeachtet ein großer, staubblinder Wasserkrug. Jetzt steht er bei mir auf dem Tisch, die schwarz angelaufenen Teile von Henkel bis Deckel sind wieder poliert, das schönes Stück ist für mich mit einigen Erinnerungen verbunden. Als Kind bekam ich bei der Nachbarin oft selbstgemachte Limonade. Sie wurde mit Eiswürfeln im gläsernen Einsatz des Krugs gekühlt, im Krug selbst schwammen je nach Jahreszeit Johannisbeeren, Erdbeeren oder Apfelschnitze, alles aus dem Garten des Hauses.  Der Nachwuchs der Familie war ein paar Jahre älter und wollte deswegen nicht mit der Göre spielen. Ab und an saß ich dort auf der Terrasse, bestaunte über den Zaun gelehnt die vielen Vogelarten, die in diesem Garten nur paar Häuser weiter zuhause waren und von dem älteren Herrn lange Jahre mit Körnern, Wasserschalen und Meisenknödeln versorgt wurden. Im Sperrmüll stand ein wenig verloren zwischen Möbeltrümmern auch das Vogelhäuschen. Gut erhalten, mit bemoostem Schindeldach und wunderbarer Patina steht es nun bei mir im Garten und wird von den gefiederten Mitbewohnern bereits mit Beschlag belegt. Und so traurig mich es gemacht hat, in den letzten Tagen mitzuerleben, wie achtlos und gleichgültig das Leben einer Familie aufgelöst und weggeworfen wird, bleiben doch Wasserkaraffe und Vogelhäuschen als eine schöne Erinnerung…

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