Einmal Landei, immer Landei …

Stadtflucht aufs Land in Corona-Zeiten – und prompt weckt der Karikaturist Marunde mit seinem liebevollen Lästern über die Kollisionen zweier Galaxien Erinnerungen. An meine erste Weinlese im Teenageralter, die zugleich so ein Zusammenprall sehr unterschiedlicher Welten war. Damals, im Albiger Grund: als das Stadtkind bei 5 Grad über Null in der ersten Dämmerung per Anhänger auf dem Unimog in den Wingert mitfuhr. Schlamm zwischen den Wingertzeilen, Schlamm unter den Füßen, in den Jeans, unter der Jacke, Nebelnieselregen von oben, kein Vollernter, sondern Handarbeit.

Die rheinhessische SchwippschwiegerschwagerüberdrölfEcken-Verwandtschaft war aller liebevollen Zuneigung zum Trotz skeptisch. Denn das Kind hat zwar die ersten drei, vier Lebensjahre mitten im Matsch am Ufer der Selz und in den Gemüse-Obst-Hausgärten der Verwandtschaft verbracht, zog danach allerdings in »die Stadt«, nach Mainz. Andere Sozialisation, humanistisches Gymnasium, höhere Tochter zwischen Klavierunterricht und Bildung. Logisch, dass die Sippschaft neugierig war: »Macht sie das?« – »Wann gibt das Stadtkind auf?« Fragen in sechsfacher Ausfertigung dank zweier Cousins, einer Cousine, meiner Tante und ihres Ehemannes und der Großtante. Das Stadtkind war hartnäckig, dickschädelig und wollte unbedingt durchhalten. Hilfreich waren dabei nicht nur lange Unterhosen und Wollsocken, sondern auch der heiße Weißwein zum Aufwärmen, den die Tante im Gepäck hatte; und …. Kümmerling aus angewärmten Flaschen.

Zwischen belegten Brötchen und der Wärme von Kaffee, Wein und Kräuterschnaps, mit Muskelkater vom Eimerschleppen hat das stadtsozialisierte Versuchskaninchen wacker durchgehalten. Schlammverkrustet bis unter die Klamotten, zum Ende des Arbeitstages einigermaßen angeschickert, aber restlos glücklich. Dass der sehr geschätzte Cousin mitsamt seinen zwei jüngeren Geschwistern dann spätabends den nächsten Härtetest im Weinkeller anzettelte – geschenkt. Der »rote Rauscher« war lecker, gehalt- und wirkungsvoll; mein Onkel wunderte sich nur über die verkaterte Nichte und ihren Schluckauf und hat seinen Sprößlingen ein ziemliches, wiewohl schmunzelndes Donnerwetter verpasst: »Dass ihr das Kind besoffen macht….!« 

Die Herzenswärme der rheinhessischen Verwandtschaft war übrigens wohl wirkungsvoller als die kleinen flüssigen Tricks. Und das ausgemachte Faible für Grünzeugwühlen, Uraltklamotten im Garten, schlammverkrustetes Aussehen im Frühling, robuste Arbeit im Grünen ist dank der frühen Prägung geblieben: Nichts ist so schön wie nach getaner Arbeit auf der Holzbank in der Sonne zu sitzen. Nichts duftet so gut wie fruchtbare, feuchte Erde im Frühling, die immer hartnäckige dunkle Ränder unter den Fingernägeln hinterlässt. Die Kindererinnerungen begleiten mich seither durch das Jahr; durch die Obstäcker rund um Mainz, auf den Touren mit dem Fahrrad und per pedes, durch die mitunter anstrengenden Pandemiezeiten sowieso.

Immerhin ist die Gegend zwischen Mainz und Ingelheim Deutschlands zweitgrößtes Obstanbaugebiet nach dem »Alten Land« bei Hamburg. Im Sommer bis in den Herbst hinein biegen sich die Zweige unter der üppigen, bunten Last von Kirschen, Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen, Pfirsichen, Aprikosen, Äpfeln und Reineclauden. Letztere, auch unter dem Namen »Wasserlatschen« bekannt, waren für eine Weile fast völlig vom Markt verschwunden. Heute erleben die alten Obstsorten glücklicher Weise eine Renaissance. Und schmecken immer noch saftig und süß nach Spätsommer – wie damals, vor Jahren, als das Kind durch die Obstgärten streifte, die Früchte vom Baum naschte hier und da. Kleines großes Glück ist das, immer noch. Und bleibt es.

Tante Marie, die Schwester meines Stiefgroßvaters, sagte damals über mich: »Des Kind hodd en Mage wie’n Zuchthaus. Geht alles enoi, kimmt nix wieder naus.« Denn besagte Wasserlatschen, im rheinhessischen Gebiet auch Ringloo genannt, verursachen oft fieses Bauchgrimmen und mehr, wenn man sie in größeren Mengen verputzt und dazu ordentlich Wasser trinkt. Als das Kind Kind war, tat es das. Folgenlos.

Und macht das immer noch, ebenso folgenlos und so wie manches andere: Zupft Johannisbeeren von den Sträuchern, pflückt Erdbeeren, sammelt Pilze im Herbst. Läuft bei Hitze durch den Rasensprenger, springt mit beiden Füßen in Pfützen, schaut unter Pflaumenbäumen liegend in den Himmel, summt ein Degenhardt-Lied und wünscht sich Flügel. Begeistert sich, freut sich an Gefundenem, an den zugelaufenen Geschichten, liebt aus vollem Herzen, lacht und weint und hört nie auf zu träumen.

Für die Ohren: Das Lied vom Kindsein (mit dem wunderbaren Bruno Ganz).

One Comment

  1. Paul 14. Januar 2022 at 03:19 #

    Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…
    Trefflich getroffen, liebe Heike, nicht nur dein Gedanke an Väterchen Franz.
    Auch meine Erinnerung an eine wundervolle Jugend in Feld und Wald, mit Tieren und Traktoren, hast du mit dem Landei geweckt. Toller Lebensabschnitt, der heute noch nachwirkt. Für dich und für mich ebenso. Danke dafür.
    Liebe Grüße vom Wäller Landei

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