Sie haben ein Eigenleben, die alten Häuser auf den Dörfern. Hinter dem Tor mit den schmiedeeisernen Blumen verbergen sich mit Spinnweben überzogene Briefkästen, altmodische Türschlösser mit großen Schlüsseln und Bolzen. Die Drehklingel klemmt; ihr Klang scheppert in die Stille. Niemand, der öffnen könnte, keine Schritte, nur kleine Pfotenabdrücke im Staub auf den Fliesen. Die heraldischen Löwen aus dem 19. Jahrhundert erzählen vom Alter des Hauses; ein gusseiserner Ofen blieb erhalten, nebenan ein Bad aus den 50er jahren. Keine Heizung, nur dieser Holzofen, der einzige seiner Art, den es in den Räumen noch gibt. Gleich nebenan liegt die »Worschtküch«, so nannte die rheinhessische Tante den Raum: Von der Küche neben den Wohnräumen getrennt, war hier fast zu jeder Jahreszeit Hochbetrieb. Im Frühjahr begann die Einmachzeit mit Rhabarber und Erdbeeren, später ging es dann mit Bohnen, Gemüse und Marmelade, mit Kompott und Saft weiter. Zwischendrin wurde geschlachtet, die Füllung für Blut-, Leber- und Dauerwurst quoll aus großen Fleischwölfen, die heute in Gesellschaft von Handsicheln und Umlenkrollen verrosten. 

Irgendwo im Gebälk ein leises Nagen, ein Ticken von Holzbock und -wurm. Es raschelt und knarrt in den fast leeren Räumen, im Halbdunkel. Licht gibt es schon lange nicht mehr, der Strom ist abgestellt: die alten Kabel und Schalter sehen aus, als könnten sie bei der nächsten Berührung Funken sprühend das Gemäuer in Brand setzen. Im Wandschrank steht ein vergessenes Foto: Der Sohn der ehemaligen Bewohner? Ein Verwandter? James Dean lächelt von der Tür zum Badezimmer, wo sich unter dem Spiegel Parfumflaschen reihen. Ihr Duft ist verflogen, die Abflüsse sind schon lange trockengefallen; es riecht modrig, nach Abwasser und Leere und Verfall. Bilderrahmen mit Fotos aus dem 19. Jahrhundert lehnen an der Wand, wo offensichtlich die »gudd Stubb« der Familie war. Eine Puppenstube steht daneben, deren Miniaturmöbel fast genauso aussehen wie die wenigen Schränke, die noch vorhanden sind. Wer mag damit gespielt haben? Und wann? 

Die Räume berühren auf eine seltsam eindringliche Art, die Augenblicke und Fundstücke erzählen ganz eigene Geschichten. Unter unzähligen Tapetenschichten kommen zwischen herunterhängenden Fetzen Muster zum Vorschein, aus einer Zeit, in der es noch keine Tapeten gab oder sie reichen Besitzern vorbehalten waren. Der Putz wurde damals gestrichen, mit Rollen verzierte man die Wände mit Mustern, aus Blumen, Grashalmen, Blättern, mit Ornamenten, die bisweilen an handgemalte Skizzen erinnern. In der Ecke eines Raumes liegt ein Schulranzen aus sprödem Leder, in einem der Hefte schrieb ein Kind seine Aufsätze nieder. Über die Verpflichtung zu sorgsamer Arbeit, im dritten Kriegsjahr 1942 auch über Sparsamkeit und die Notwendigkeit, keine Lebensmittel zu verschwenden; als ich Kind war, erzählten Patentante und Großmutter von diesen Zeiten. Davon, wie man aus gerösteten Zichorienwurzeln und Gerste Kaffeeersatz herstellen,  aus Kartoffelschalen Kartoffelpuffer backen und Suppe kochen konnte. Rezeptsammlungen gab es und »Kriegskochbücher«, die sich der »Zubereitung schmackhafter Speisen aus Resten« widmeten.  Für seinen Schulaufsatz erhielt das unbekannte Schulkind die Note 1. Und schrieb direkt danach von der Sehnsucht nach anderen, friedlicheren Zeiten.

Eine schmale Kriegsausgabe einer Weihnachtsgeschichte von Luise Rinser lag neben dem Schulheft. Ein zwiespältiger Fund mit Blick auf die Lebensgeschichte der Autorin, die in jüngeren Jahren Lobgedichte auf Hitler verfasste. Und drei Weihnachtsgeschichten, die 1941 und 1942 im dritten Kriegsjahr erschienen; ungefähr zur gleichen Zeit, als der Aufsatz entstand. Welch unterschiedliche Perspektiven – das Schulkind, dessen Worte die Erziehung seiner Zeit spiegeln. Die Erwachsene, die über Krieg und Verlust erzählt, in leisen Tönen und einen Menschen offenbart, dessen Perspektive sich veränderte. Beide, das Schulkind und die Schriftstellerin, erzählen von Sehnsüchten und Frieden und der Notwendigkeit der Hoffnung. Ob das Kind für seinen zweiten Aufsatz auch eine gute Note erhalten hat? Die letzte Seite des Heftes ist zerrissen und fleckig, die Schrift verblichen und nicht mehr lesbar.

Nebenan, im Halbdunkel des Mansardenzimmerchens, sind die Wände braunschwarz verfärbt vom Ruß eines Holzofens, mit dem der letzte Bewohner heizte. Und vom Rauch seiner zahllosen Zigaretten. Die Rußfahnen haben ihre Spuren durch die Spalten und Risse der Türdichtung hindurch in die Nachbarräume gezeichnet; wie feine, geisterhafte Federstriche ziehen sie sich an den Wänden entlang. Immer noch hängt der Geruch von Holz- und Tabakrauch in den vergilbten Gardinen, auf den Bodendielen erkennt man Umrisse von Möbelstücken, auf der Tapete Abdrücke von Bilderrahmen, die Zimmerdecke ist im Dämmerlicht nahezu schwarz. Fast könnte man meinen, es habe in diesem einen Zimmer gebrannt. 

In der Ecke, wo das Sofa des letzten Bewohners stand, blieb ein Nachhall von Hoffnung und Zuversicht, leuchtet hell der Umriss eines Ankers auf der verrußten Tapete. 

»All those moments will be lost in time – like tears in rain.« (Blade Runner)

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