Auf meinen Reisen an die Ostsee traf ich einen sanften Riesen, mit schwieligen Händen, die das Zupacken gewohnt waren. Mit Kinderaugen voller Staunen über die Schönheit und die Wunder dieser Welt. Augen, in denen sich das Leben spiegelte, mit Lachfältchen drumherum, mit einem Zwinkern und manchmal auch mit Tränen, wenn ihn etwas zutiefst berührte. Ein fast zwei Meter großer norddeutscher Hüne, weitgereist, kunstsinnig und belesen, weltoffen und -gewandt – und dennoch tief verwurzelt am Meer, auf seinen Ländereien zuhause, dem weißen Herrenhaus innig verbunden. Vieles dort reparierte er eigenhändig, schuf sich sein eigenes Reich, mitunter mit Fundstücken von seinen Reisen. So wie die hölzernen Schwäne, die Bootshaus und Scheunen und Wohnhäuser seines Besitzes schmücken. Entdeckt hat er sie in den Niederlanden, nahm Fotos mit, rief den Handwerksmeister seines Vertrauens herbei: »Bau mir diese Schwäne! Diese Pferdeköpfe hat jeder…«. 

Als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die große, reetgedeckte Zehntscheune während eines Unwetters abbrannte, zahlreiche Bäume der großen Allee vom Sturm umgeworfen und in Stücke zerfetzt wurden, machte er sich als junger Mann direkt daran, nicht nur die Scheune wieder aufzubauen, sondern auch Bäume nachzupflanzen. Heute steht dort wieder eine Allee prachtvoller Linden, die von der Scheune zum Herrenhaus mit seinem großen Park führt. Dorthin, wo eigentlich ein Rosengarten war, der vor fast zwei Jahrhunderten von einer Sturmflut zerstört wurde. Die Terrassen und Flächen des einstigen Gartens sind noch erkennbar, ein paar verwitterte Sandsteinfiguren stehen im hohen Gras, im Frühling blüht um die Statuen herum Iris in verschwenderischer Fülle. Das Damwild besucht den Park, spaziert ganz ohne Scheu bis fast zur Eingangstür des Herrenhauses; stellt sich auf die Hinterhufe, knabbert erste grüne Triebe von den Büschen und später die Blüten vom üppigen, weißen und lila Flieder. »Meine Haustiere« nannte sie der Besitzer des Gutes, schimpfte ein wenig über den von ihnen zerfledderten uralten Flieder. Und gab die notwendige Jagd schon vor langen Jahren ab, weil ihm das Töten zuwider war. 

Verborgen im Wald liegt nicht nur die Familiengrabstätte, sondern nur wenige Kilometer weiter auch ein Ehrenmal für die Toten zweier Weltkriege, die vom Gutsbesitz stammten. Im Frühling umrahmt von einem Teppich aus Blausternchen, Schneeglöckchen und Buschwindröschen, tragen große Findlinge die Namen der Gefallenen. Mitunter lehnte der Herr des Gutes dort am Zaun, eine Pause während eines Spaziergangs, mit nachdenklichem Blick. Beobachtete im Herbst die Damhirsche, die ihre Geweihe ineinander verhaken, kämpfen und in den Schonungen röhrend ihr Revier markieren. Und wanderte weiter, zum alten Schulhaus mit seinen Backsteinmauern und dem Reetdach, den großen Kletterrosensträuchern an der Wand und dem weiten Blick über die Felder. Matthias Claudius weilte dort für eine Weile, arbeitete als Lehrer und schrieb 1778 sein berühmtes Abendlied: Inspiriert vom Panorama der Wiesen und Weiden, aus denen der Nebel aufsteigt, mit einem Mond, der zauberhaft und prachtvoll zwischen den alten Eichen aufgeht. 

Aus der allerersten Begegnung, die sich über einen gemeinsamen lieben Freund und ein Foto des Herrenhauses ergab, wurde eine stille, seltsame Verbundenheit; wiewohl aus sehr unterschiedlichen Welten stammend – der baltische Adelige hier, die Fotografin dort – gab es überraschende Gemeinsamkeiten. Die Liebe zu genau diesem Flecken Erde mit Feldern, Wiesen und Wald drumherum, zwischen Meer und Himmel. Die tiefe Verbundenheit zu einer Landschaft und ihrer Natur, die zu allen Jahreszeiten bezaubert und fasziniert: weil das Land leuchtet, dort zwischen dem großen Brackwassersee und der Ostsee. Im Frühling der blühende Raps, im Sommer die Getreidefelder, im Herbst die  bunten Bäume, selbst im Winter, bei Eis und Schnee, glitzert und funkelt das Land, als ob eine unsichtbare Hand die Anhöhen und Mulden mit Silber betupft hätte. Auch die Liebe zu Kunst, zu Büchern und Handwerk war geschätzte Gemeinsamkeit; meine allererste Kamera verdiente ich mit Arbeit in der Landwirtschaft, auf dem Hof und Weingut eines entfernten Onkels, der mir auch den respektvollen Umgang mit Äckern, Saat und Ernte beibrachte. Und das Landgut an der Ostsee kenne und liebe ich schon seit Jahrzehnten: Kindererinnerungen an die kleinen Häuser, den See und das Damwild in der Region. Als ich von dieser langen Verbundenheit mit der Region erzählte, schmunzelte der Herr des Gutes: »Also seit vorgestern kennen Sie meinen Besitz….« und staunte über mittlerweile vier Jahrzehnte, in denen es mich immer wieder dorthin zieht.

Wir begegneten uns immer, wenn ich im Norden war, ob unterwegs auf einer Fahrradtour, der Herr des Gutes am Zaun lehnend, winkend und lächelnd. Oder auch bei einem Tee, mit Erdbeerkuchen auf kleinen Tellerchen aus feinem Porzellan. Es waren lange, interessante Gespräche, die wir miteinander führten: Über Gott und die Welt, buchstäblich. Über Schönes, Alltägliches, bisweilen Berührendes oder Trauriges. Über Lieblingsorte wie die drei Bäume an der kleinen Straße zum Herrenhaus, auf einem kleinen Hügel mitten im Acker. Ein Hügelgrab liegt darunter, später stand die größte Windmühle der Gegend auf dieser Anhöhe. Auf einem vergilbten Foto der Windmühle steht eine Frau in langem weißen Kleid auf der Mühlengalerie, lange, bevor in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts die Mühle in Flammen aufging, sich ihre großen Flügel lichterloh brennend noch einmal drehten, bevor sie in die Tiefe stürzten. Die drei Eichen wurden auf den Fundamenten gepflanzt, noch vom Vater des Gutsherrn; bis heute stehen sie dort, im Schatten der Bäume sind noch ein paar Stufen der Mühle erkennbar, die nie wieder aufgebaut wurde.

Manchen galt der Herr auf Gut Waterneverstorf als sperriger Charakter, als »schwierig«. Das konnte er durchaus sein, klare, bisweilen polternde Ansagen inbegriffen: Respektlosen Menschen gegenüber, die auf seinem Grund durch Rapsfelder und Äcker stampften, im Naturschutzgebiet Blumen rupften oder dort ihren Müll liegen ließen.  Auch, wenn ihm etwas gegen den Strich ging – so wie der Umgang von Ausländerbehörden und Bürokratie mit seinen Mitarbeitenden, unter denen nicht wenige Geflüchtete waren. Für sie hat er sich eingesetzt, führte Auseinandersetzungen, unterstützte Menschen, die dessen aus unterschiedlichsten Gründen bedurften. War da, kümmerte sich, war Ansprechpartner und Ratgeber und Beschützender, der mit Wohnraum auf seinem Besitz aushalf, bei Krankheit Besuche abstattete, gelegentlich einen Anwalt einschaltete oder schlicht stillschweigend Geld zur Verfügung stellte. Verbunden waren sie ihm, diese Menschen, schickten aus ihrer Heimat zu Weihnachten oder Ostern Pakete, mit selbstgebackenem Kuchen oder einem Schinken, hielten den Kontakt, per WhatsApp und Mail, mit Nachrichten, Bildern, Anekdoten aus dem täglichen Leben, von ihren Familien in der Heimat. Dafür hatte der sanfte Riese immer ein offenes Ohr; bisweilen lagen zwischen den Nachrichten, die auch wir austauschten, längere Pausen. Verstummt sind solche Dialoge en miniature nie, wir knüpften immer dort an, wo wir aufgehört hatten zu plaudern und zu erzählen. 

Meine preußische Großmutter war eines der verbindenden Elemente: denn Kultur, Bildung und darüber hinaus »altmodische« Werte wie Beharrlichkeit (von anderen bisweilen als Sturheit umschrieben), Respekt anderen Menschen gegenüber, Disziplin und eine gewisse Genügsamkeit und Bescheidenheit waren Dinge, die mir meine Großmutter mitgab auf meinem Weg. Ihren Widerhall fanden sie in der Begegnung mit diesem besonderen, vielschichtigen und spannenden Menschen, der immer ein Träumender war und dennoch nie Traumtänzer. Der geradlinig und kantig, bisweilen schmerzhaft direkt seinen Weg ging, nur wenige Auseinandersetzungen scheute, wenn es um seinen Besitz, dessen Verwaltung, um Landschafts-, Natur- und Umweltschutz ging, der mit glücklicher Hand wirtschaftete, während andere große Güter mit wirtschaftlichen Turbulenzen kämpften. Ein Mensch, der hinter seiner kantigen Hülle ein großes, warmes Herz versteckte und manchmal regelrecht schüchtern war. »Adelig wird man nicht geboren«, sagte meine Großmutter, »Adel erarbeitet und erwirbt man sich.« Das ging mir oft durch den Kopf, wenn ich die Gespräche beim Tee Revue passieren ließ; ich war und bin mir sicher, die Preußin in meiner Familie hätte den baltischen Riesen ins Herz geschlossen und über ihn gesagt, er sei nicht nur ein Mann, sondern ein Herr. 

Jetzt ist der Herr des Landguts gegangen. Vermissen werde ich ihn. Sehr. Denn Menschen seiner besonderen Art sind selten, ihnen zu begegnen ist ein Geschenk. Sein Händedruck, das Lächeln und Lachen hinter dem knorrigen Auftreten bleiben – wie die Gespräche,  zu denen manches Mal auch beredtes Schweigen gehörte: weil Worte schlicht überflüssig waren. Bald bin ich wieder im Norden; der Gedanke, der baltische Hüne habe sich aufgemacht in die Ferne, ins weite Blau zwischen Erde und Meer und Himmel, ist tröstlich; und der Wind über den Feldern und zwischen den Gebäuden des großen Guts, die Farben der Landschaft, die Wellen auf dem Großen Binnensee erzählen seine Geschichte weiter. 

Gute Reise, Franz Gerd George Graf von Waldersee (10.07.1950 – 01.07.2026)

This Post Has 4 Comments

  1. Mein herzliches Beileid!
    Einen solchen Menschen zu kennen ist ein Geschenk. Der Nachruf lässt ihn lebendig bleiben.

  2. So ein wunderbarer Nachruf. Ich weiß gar nicht, was ich schöner finde: Die Bilder oder den Text, einfach beides zusammen, liebe Heike. Und ich weiß ja, wir lieben da beide das gleiche Stückchen Erde. Ich bin mit dir traurig.

  3. Wie schön und wunderbar. Sehr berührend. Und gleichzeitig ein großartiger Lesegenuss des wahren Lebens. Ganz im Gegensatz zu 99% Inhalten im Social Media Bereich. Dankeschön für Idee und Darbietung. Hach, wären nur mehr solche Texte im Netz, ich würde gerne wieder mehr kluge und emphatische Beiträge lesen. Dankeschön ❤️

  4. Ihr Lieben, Dank für Eure Kommentare. <3

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