Maries Hände


Während der Ausbildung pflegte einer meiner Lehrer zu sagen: „Nichts ist so schwierig zu fotografieren wie Hände.“ Vielleicht, weil sie so beredet stille Geschichten erzählen? Ich mag Hände, genau deswegen, weil man ihnen meistens ansieht, welcher Mensch dazu gehört. Man spürt es in der Art, wie sich Hände zu einer Begrüßung treffen. Nichts finde ich so schlimm wie einen weichen, kraftlosen Händedruck oder ungepflegte Hände, mit abgekauten Fingernägeln oder abgesplittertem Nagellack. Und nichts finde ich schöner als kraftvolle Hände, in denen man sieht und fühlt, dass sie ebenso gut zupacken wie voller Zärtlichkeit sein können.

Unterwegs an einem Sonntag, ein Besuch bei meiner Tante. Maries Hände, die auf dem Tisch ruhten beim Erzählen. Hände, die das Zupacken gewohnt waren, Winzerhände, Bauernhände, Hausfrauenhände. Mit Schwielen vom Holzhacken, von Spaten und Säge, vom Traktorfahren und Kistenschleppen. Ich kannte diese Hände seit langem, sie gehören zu meinen Kindererinnerungen: An die zupackenden Hände, die überraschend sanft aufgeschlagene Knie verarzteten und zart und liebevoll Kindertränen fortwischten. Rauhe, schrundige Hände, die leise eine Tür öffneten, die verrutschte Decke des kleinen Schläfers sachte zurecht zupften. Sich an einem Herbstmorgen um eine Tasse mit heißem Kaffee schmiegten, um die nebelfröstelnd klammen Finger zu wärmen. Die Kuchenteig kneteten, Weinreben stutzten und abends die Katze kraulten. Und kraftvoll so manchem Kalb auf die Welt geholfen haben, auch das.

Die Spuren vieler Verletzungen zeichneten diese Hände: Ein gebrochener Finger bei der Ernte, notdürftig geschient, ist krumm zusammen gewachsen. Eine Narbe, das Messer in der Küche ist abgerutscht und traf die Hand. Harte Arbeit hat ihre Spuren hinterlassen, ebenso wie das Alter. Und deswegen sind sie schön: Weil ihre Form, ihre knorrigen Gelenke und Schwielen erzählen. Mit jeder Krümmung der Finger, jeder Handbewegung sprechen sie, eindringlicher, als jedes Wort es je könnte. Es ist eine leise Geschichte in diesen Händen: Vom Leben.

One Comment

  1. michael sarbacher 12. Mai 2020 at 13:50 #

    wundervoll, herzlichen Dank für das Bild und den einfühlsamen Text! MS

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