Notizen von unterwegs: Seltsam

Frühmorgens im Supermarkt um die Ecke: Vor der Tür standen abgezählt 35 Einkaufswagen. Große Hinweisschilder mit allen Verhaltensregeln in dieser Zeit erklärten, dass nicht mehr Menschen gleichzeitig dort einkaufen dürfen. Auch ein neuer Mitarbeiter stand draußen, der abwechselnd an seiner Zigarette zog und gähnend in die Sonne blinzelte. Zwischendrin grüßte er mit verschlafenem Lächeln, erklärte und ermahnte, wo nötig.

Drinnen waren nur wenige Menschen unterwegs. Langsamer als gewöhnlich, bedächtiger, mancher stand vor den Regalen, eine ganze Weile, bevor etwas vom Regal in den Einkaufswagen wanderte. Es herrschte Stille, wo sonst Stimmengewirr und Gedrängel sind. Die einzigen, die sich hastig in den Abteilungen bewegten, waren Mitarbeiter. Schwere Transportkarren wuchteten sie durch die schmalen Regalreihen, wichen Einkaufenden aus, hielten kurz inne, um jemanden vorbeizulassen. Viele von ihnen kenne ich seit langem, oft plauderten wir kurz über dies und das, grüßten uns freundlich, lachten gemeinsam. Das Lächeln ist jetzt hinter Schutzmasken verschwunden, die Augen darüber sind matt vor Müdigkeit.

Zwischen Obst und Blumen klang plötzlich ein merkwürdiger Ton durch den Supermarkt. Es hörte sich an wie ein Wehklagen, dann ging es in ein Wort über: »Seltsam!«. Vor Milchflaschen und Joghurtbechern stand eine alte Dame in einem geblümten Kleid, sie wiegte sich hin und her. Dann holte sie tief Luft, hielt sich die Hände vors Gesicht, wieder der Klagelaut. Er stammt von ihr, die mir mit leuchtendblauen Kinderaugen in einem runzeligen Gesicht entgegenblickt. Stirnrunzelnd lächelte sie, ging weiter. Dann drehte sich die alte Dame um. »Seltsam!« rief sie laut und wedelte mit den Armen. Blickte einer Mitarbeiterin ins Gesicht, hob die Hand, als wolle sie das Gesicht mit der Maske davor berühren. »Seltsam!«, mit dem Zeigefinger deutete sie auf das Stück Stoff. Dann verschwand sie in einer anderen Reihe des Ladens, wo andere maskierte Menschen unterwegs waren. »Seltsam! Seltsam!«

Immer wieder klang die Stimme durch den Markt, wehklagend und traurig, lauter, dann wieder leiser. Auf dem Weg zur Kasse traf ich die alte Dame wieder. Auf einem Kistenstapel sitzend, zusammengekauert und das Gesicht in den Händen vergraben. Auf meine Frage hin, ob ich ihr helfen könne, hob sie ganz langsam den Kopf. Mit Tränenspuren auf den Wangen blickte sie mir entgegen, die Augen weit aufgerissen. Und flüsterte kaum hörbar: »Seltsam….«.

Auf dem Weg hinaus, in den sonnestrahlenden Frühlingstag, hörte ich von drinnen einen Schrei: »Seltsam.«

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