Tante Marie

Ihre Hände waren knotig und knorrig geworden von einem Leben in Arbeit, ein Gesicht voller feiner Fältchen und Falten, die Geschichten erzählten: Vom Lachen und Weinen, von Kummer und Heiterkeit. Von 96 Lebensjahren, die an einem Nachmittag ganz plötzlich und sanft endeten, als ihr Herz zu schlagen aufhörte, auf der Küchenbank im Haus ihrer Nichte. Tante Marie, die ich nie anders kannte als mit grauen Haaren, zu einem straffen Knoten im Nacken zusammengezwirbelt. Mit verrunzelter Haut, zierlich, fast winzig – und doch soviel Kraft in ihrem Lachen, ihren kleinen Händen, die immer und Zeit ihres Lebens kräftig zugepackt haben. Beim Schwager mit der sonoren Stimme, dessen Haushalt sie nach dem Tod seiner Frau, ihrer Schwester, bis zu seinem Tod führte. Hart gearbeitet hat sie schon immer, ob bei Weinlese, Feldarbeit oder Obsternte, die sie erst aufgab, als sie mit Mitte 80 beim Zwetschgen pflücken von der Leiter stürzte und sich böse das Knie verrenkte. Nie war sie erkältet, wohl dank des heißen Weins oder des regionalen Kräuterlikörs, den sie bei Minusgraden im Weinberg aus dicken Tonbechern an frierende Weinleser ausschenkte.

„Fräulein Marie! Fräulein! Ich war nie verheiratet!“ schalt sie einen Aushilfs-Postboten, dem sie im Takt ihrer Worte den spitzen Zeigefinger in den Bauch bohrte. Er hatte sich erdreistet, sie mit „Frau Marie“ anzusprechen. Dann schubste sie den Hünen resolut hinaus und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Wieselflink wuselte sie dann steile Stiege im alten Fachwerkhaus hinauf, zurück an die Bügelwäsche. Alle anderen außer ihr nannten die Treppe die »Hühernleiter« und haben sie nur mit höchster Vorsicht erklommen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft ich mit kindlichem Ungestüm dort hinunter kugelte, irgendwann gab ich es auf, die Beulen und blauen Flecken zu zählen. Und spüre immer noch ihre liebevolle Umarmung, schmecke auf der Zunge heißen Kakao und frischen Quetschekuchen, mit denen sie mich tröstete und meine Kindertränen getrocknet hat.

Voller Heiterkeit ist die Erinnerung an Tante Marie: Wegen ihres herzlichen Lachens, das ihre Augen fast in den Knitterfältchen verschwinden ließ. Wegen der gemütlichen, warmen Küche mit dem gesprenkelten Steinboden, in der immer der Duft nach frischgebackenem Hefekuchen in der Luft hing, nach Zichorienkaffee und Kernseife. Wegen des kleinen, von der Nachmittagssonne beschienenen Küchengartens hinter dem Haus: Heimat von Ringelblumen und Kräutern, von Stangenbohnen, Erdbeeren und süßen Erbsen, deren Schoten ich als Kind aus den Ranken stibitzte. Wegen ihrer Geschichten, die sie erzählt hat; vor allem waren das augenzwinkernde Anekdoten und Erlebnisse aus dem rheinhessischen Dorf, das sie Zeit ihres Lebens nicht verlassen hat. Weil sie immer und trotz aller Widrigkeiten überzeugt war, die Schönheit einer Seele und eines Herzens seien wichtiger als Besitz und Äußerlichkeiten. Und überhaupt, so sagte sie immer, sei diese Welt ein wunderbarer Ort, für den zu kämpfen sich lohne.

Vielleicht sind mir deswegen zwei ihrer anderen Geschichten so lebendig im Gedächtnis geblieben: Die eine ein Moment aus dem Leben eines ihrer Brüder, verheiratet mit einer Jüdin, die er lange Zeit mit Wissen des halben Dorfes versteckte. Die Nachbarn schwiegen hartnäckig und lange – bis auf einen. Gerade noch rechtzeitig kehrte ihr Bruder damals in sein Gehöft zurück – und holte mit einer Schrotflinte im Anschlag seine Frau vom LKW der Gestapo herunter. Wer der Verräter war, fand die Familie nie heraus. Die andere Geschichte war die ihrer Schwester, die über Jahre hinweg ganz allmählich ihren Verstand verlor. Nur ganz selten sprach Tante Marie über diese Momente in ihrem Leben. Es waren zugleich die raren Augenblicke, in denen ich das winzige Persönchen mit der eisernen Disziplin und der aberwitzigen Energie traurig, scheu und zerbrechlich erlebte. Das Aufblitzen von Kummer und Schmerz währte allerdings nie lange. Mit einem Stofftaschentuch aus den Tiefen ihrer Schürze wischte sie sich kurz über die Augen, schneuzte sich energisch: „Ich muss jetzt was schaffen!“ und eilte zurück an die Arbeit.

2 Comments

  1. Sigrid Ehrmann 18. Juli 2020 at 20:04 #

    Wunderbarer Text

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